Beatles oder Rolling Stones? Ein Erlebnisbericht

von | Dez. 29, 2025

Am 1. Weihnachtstag haben wir die Mutter meines Lebenspartners im Pflegeheim besucht. Sie ist an Alzheimer erkrankt und kann unterdessen nicht mehr allein leben. Es war Kaffee- und Kuchenzeit, wir hatten selbstgebackene Plätzchen für alle mitgebracht und kaum hatten wir unsere Jacken ausgezogen, wurden wir freundlich an den großen Tisch im Flur gebeten. „Setzen Sie sich doch dazu“, hieß es, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.

Am Tisch saßen bereits einige Damen, jede für sich in einer eigenen kleinen Welt:
Die Mutter meines Partners, die sehr sicher war, mich zu kennen, aber nicht mehr wusste, woher (wir kennen uns seit knapp 12 Jahren). Eine ausgesprochen agile Dame im Rollstuhl mit Parkinson, wacher Blick, schnelle Kommentare. Eine äusserst schwerhörige Dame, die ihr Hörgerät konsequent verweigerte und auf Ansprache meist laut schreiend reagierte. Schlussendlich eine kleine, zarte ältere Dame, die kein Wort sagte, dafür aber ununterbrochen häkelte, als hinge der Fortbestand der Welt von jeder Masche ab.

Es wurde Kuchen serviert. Kaffee eingeschenkt. Der Gesprächsfluss bewegte sich vorsichtig auf vertrauten Bahnen: Ist der Kuchen zu sauer oder genau richtig? Brauchen wir Schlagsahne? Der Kaffee ist heute aber dünn. Ein stetes, gut gemeintes Bemühen um Small Talk, das mehr aus Pflichtgefühl als aus Freude bestand.

Und dann, fragen Sie mich nicht warum und eher aus einem Impuls heraus als aus Plan, wandte ich mich an meine Tischnachbarin und fragte: „Beatles oder Rolling Stones?

Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. „Na, das ist ja wohl keine Frage“, rief sie. „Mick natürlich! Und wie der getanzt hat! Chicken dance…“ Sie wedelte ein wenig mit angewinkelten Armen wie ein Hühnchen und kicherte. Ihre Augen leuchteten, ihre Hände bewegten sich plötzlich schneller als zuvor.

Ich musste lachen und bekannte vorsichtig, dass mein Herz immer und ewig Paul McCartney gehört habe. Und dass ich als echter Beatles-Fan niemals Rolling Stones gehört hätte. „Ja, ja“, kam es prompt und schwärmerisch von Gegenüber zurück, „Paul McCartney – ich auch …“

Die Rekordhäklerin schenkte mir ein entwaffnend strahlendes Lächeln. Und ich hätte einen Moment lang schwören können, die Wangen röteten sich etwas. Unsere Dame ohne Hörgerät sagte weiterhin nichts, nickte aber deutlich, und in ihren Augen blitzte etwas auf – sie zwinkerte mir sekundenschnell zu.

Einen Wimpernschlag lang waren sie alle nicht mehr alt. Nicht pflegebedürftig. Nicht Bewohnerinnen eines Heims.

Sie waren junge Frauen, die Konzerte besucht hatten. In Schlaghosen und Plateaustiefeln. Die Sänger angeschmachtet, getanzt, gelacht, über eine bessere Welt diskutiert hatten. Die wussten, wer Mick Jagger war – und warum man ihn mochte. Oder warum Paul McCartney für immer der Richtige blieb.

Dass Mick Jagger inzwischen selbst 82 Lenze alt ist und Paul McCartney sogar noch ein Jahr mehr zählt, schien plötzlich nebensächlich. Beide sind ja damit quasi einer unter ihnen. Und ihre Erinnerungen waren jünger als ihre Körper.

Jeder alte Mensch trägt eine junge Version von sich in sich. Und wenn wir an uns selbst denken, sind wir in Gedanken immer erst einmal höchstens 26. Die junge Version verschwindet nicht mit den Jahren, nicht mit Diagnosen, nicht mit Einschränkungen. Manchmal braucht sie nur die richtige Frage, um wieder sichtbar zu werden.

Nicht: „Haben Sie Schmerzen?“ Nicht: „Wissen Sie, welcher Tag heute ist?“

Sondern vielleicht: Beatles oder Rolling Stones?

Und für einen kurzen, kostbaren Moment ist sie wieder da. Die junge Frau.
Der junge Mann. Die Plateauabsätze und der Minirock.
Mit Musik im Kopf und Leben im Blick.

P.S. Diese kleine Szene hat mir auf jeden Fall wieder einmal gezeigt, wie wertvoll biografische Arbeit ist. Sie beginnt nicht bei Akten oder Lebensläufen, sondern bei Fragen, die etwas öffnen: Musik, Erinnerungen, Vorlieben, kleine Leidenschaften. Biografische Arbeit heißt, den Menschen hinter der aktuellen Situation zu sehen und ihm Raum zu geben, sich wiederzufinden. Manchmal genügt ein einziges Thema, um Verbindung herzustellen – nicht nur zu anderen, sondern auch zu sich selbst.

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