Die Idee der Aktivierung gehört heute längst zu den wichtigsten Bestandteilen moderner Seniorenbetreuung. Gerade in Pflegeeinrichtungen versucht man zunehmend, Angebote zu schaffen, die Teilhabe fördern, Erinnerungen wachhalten und das Gefühl stärken, weiterhin am Leben teilzunehmen. Es geht dabei nicht nur um Beschäftigung im klassischen Sinn, sondern um Selbstwirksamkeit, Begegnung und darum, Menschen wieder in Kontakt mit ihrer Umwelt zu bringen. Manchmal entstehen daraus erstaunlich einfache und zugleich bemerkenswert erfolgreiche Projekte.
Wie zum Beispiel die Sache mit den Hühnern.
Die Idee kam ursprünglich gar nicht aus der Seniorenbetreuung, sondern aus einem Umweltprojekt. Die Gemeinden wollten Bioabfälle reduzieren. Und irgendwann entstand daraus der Gedanke: Warum eigentlich nicht auch in Seniorenheimen?
Gesagt, getan.
Was zunächst eher wie ein salopper kleiner Versuch wirkte, entwickelte sich in einigen Seniorenheimen Frankreichs zu einem Überraschungserfolg. Einige Einrichtungen begannen damit, Hühner im Garten zu halten, um ihre Küchenreste zu beseitigen.Zwei oder drei Tiere, ein kleiner Stall, etwas Auslauf hinter dem Haus. Kein großes Konzept, keine spektakuläre Innovation.
Und plötzlich kam wieder „Leben in die Bude“.
Die Tiere waren oft direkt von der Terrasse oder dem Aufenthaltsraum aus sichtbar. Die Bewohner durften Namen aussuchen, beim Füttern helfen oder Eier einsammeln. Und dann passierte etwas, womit offenbar viele nicht gerechnet hatten: Die gefederten Mitbewohner wurden zum Gesprächsthema des Hauses.
Pflegekräfte berichteten, dass Bewohner häufiger nach draußen gingen, sich stärker beteiligten, wieder „nach dem Rechten sehen“ wollten und miteinander ins Gespräch kamen. Gerade auch Menschen mit Demenz reagierten erstaunlich positiv. Viele erinnerten sich plötzlich an Kindheit oder Landwirtschaft: „Früher hatten wir auch Hühner.“ Oder: „Meine Mutter hatte Sussex-Hühner.“ Aber auch: „Die braunen legen besser.“
Es entstanden kleine Rituale. Manche Bewohner warteten morgens regelrecht darauf, die Tiere zu besuchen. Andere diskutierten über Namen, Futtersorten oder Charaktereigenschaften einzelner Hühner, als handle es sich um langjährige Nachbarn.
Ein konkretes Beispiel aus Deutschland wurde später ebenfalls bekannt:
Das „Katharina-von-Bora-Haus“ in Bochum mietete (!) mehrere Hühner von einem Landwirt aus Essen. Die Tiere leben samt mobilem Stall im Garten der Einrichtung. Bewohner halfen beim Füttern, Eier einsammeln und Stall säubern.
Die Betreuungskräfte der Einrichtungen beschrieben damals, dass die Aufgabe „Hühner versorgen“ vielen Bewohnern wieder das Gefühl gaben, gebraucht zu werden, diese wieder häufiger nach draußen gingen und insgesamt aktiver wirkten. In einigen Einrichtungen entwickelten die Hühner beinahe eine eigene kleine Fangemeinde und bekamen Kosenamen. Etliche Bewohner warteten morgens schon ungeduldig darauf, die Ersten zu sein, um „ihre“ Hühner zu besuchen.
Hühner wirken unkompliziert. Sie stellen keine Anforderungen, korrigieren niemanden und begegnen Menschen vollkommen unvoreingenommen. Und darin liegt ihre Stärke. Die Tiere schaffen eine Form von Begegnung, die unmittelbarer ist als viele andere Angebote. Sie holen Menschen in einen Moment zurück, ohne Leistungsdruck und ohne Erwartungen. Gleichzeitig vermitteln sie etwas sehr Alltägliches. Und Alltag ist im Alter keineswegs selbstverständlich.
Gerade ältere Generationen verbinden Tiere häufig mit früheren Lebensabschnitten. Viele der heutigen Senioren sind mit einem anderen Verhältnis zu Natur und Tieren aufgewachsen. Hühner gehörten selbstverständlich zum Hof, zum Garten oder zur Nachbarschaft. Für manche Bewohner öffnen sich durch solche Begegnungen kleine Fenster in die eigene Vergangenheit. Vergrabene Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend kommen wieder zutage: „Wenn Hühner früh laut sind, gibt’s Wetterwechsel.“
Die Idee: unspektakulär. Das ist aber vielleicht gerade das Bemerkenswerte daran. Denn viele gute Ideen in der Seniorenarbeit entstehen nicht aus komplizierten Konzepten, sondern aus einfachen Erfahrungen: Menschen möchten sich verbunden fühlen. Mit anderen, mit Erinnerungen, mit dem Leben draußen vor der Tür und der Natur.
Und was können wir aus dieser Geschichte für dieambulante Betreuung mitnehmen? Sicherlich müssen nicht immer direkt Hühner angeschafft oder “ausgeliehen” werden… Aber wäre es vielleicht einmal eine gute Idee, mit Ihren Kunden zur Aktivierung einen Spaziergang zum nächsten Bauern zu machen? Oder zum nächsten Streichelzoo?
Manchmal genügt ein Gackern, ein Quaken oder die Möglichkeit, die Finger beim Streicheln der Tiere in ein weiches Fell vergraben zu können, um den “Vorhang der Erinnerung” wieder aufzuziehen…





