„Für Ihr Alter sind Sie aber noch ganz schön aktiv!“

von | Mai 19, 2026

Warum gut gemeinte Sätze manchmal das Gegenteil bewirken – und was Altersdiskriminierung mit unserem Alltag zu tun hat 

Es gibt Sätze, die als Kompliment gemeint sind und es nicht sind. „Ihr Alter sieht man Ihnen gar nicht an.“ Oder: „Für Ihr Alter sind Sie ja noch ganz schön aktiv.“ Wer solche Worte ausspricht, meint es in aller Regel freundlich. Und wer sie hört, weiß trotzdem, was im Umkehrschluss mitschwingt: dass alt werden etwas Negatives ist. Dass Aktivität im Alter die Ausnahme ist, nicht die Regel. Dass man sich, wenn man älter wird, irgendwie zu erklären oder rechtfertigen hat. 

Ferda Ataman, Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, hat solche Sätze selbst gesagt – früher, bevor ihr klar wurde, was sie eigentlich ausdrücken. Heute ist sie eine der lautstärksten Stimmen gegen das, was im Englischen längst einen Namen hat: Ageismus. Auf Deutsch: Altersdiskriminierung. 

Ein Phänomen, das kaum einer beim Namen nennt 

Altersdiskriminierung ist in Deutschland laut dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verboten. Konkret bedeutet das: Menschen dürfen nicht ohne sachlichen Grund allein wegen ihres Alters im Beruf oder bei alltäglichen Geschäften benachteiligt werden. Soweit die Theorie. 

Die Praxis sieht anders aus. Etwa 15 Prozent aller Anfragen an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes betreffen das Thema Alter – und dennoch gibt es kaum öffentliche Debatten darüber. Ataman sieht darin ein strukturelles Problem: In anderen Ländern wird Ageismus seit Jahren erforscht und diskutiert, in Deutschland hingegen findet das Thema kaum Raum. Dabei leben hier über 18 Millionen Menschen, die älter als 60 Jahre sind. 

Und noch etwas fällt auf: Während man in vielen anderen Ländern erst ab 70 oder 75 Jahren als „alt“ gilt, beginnt diese Wahrnehmung in Deutschland bereits ab etwa 60. Wir nehmen Altern in Deutschland zu stark negativ wahr“, sagt Ataman. Eine Haltung, die sich – oft unbewusst – durch viele Lebensbereiche zieht. 

Wohnung, Kredit, Ehrenamt: Ausgrenzung im Alltag 

Altersdiskriminierung endet nicht am Arbeitsmarkt, auch wenn sie dort besonders sichtbar ist. Ältere Menschen berichten, keine Wohnung zu bekommen – mit der Begründung, es „lohne sich nicht mehr“. Banken verweigern Kredite wegen Altershöchstgrenzen. Selbst das Ehrenamt schließt Menschen ab einem bestimmten Alter mitunter aus – ausgerechnet dort, wo Lebenserfahrung und Engagement besonders wertvoll wären. 

Das steht in einem merkwürdigen Widerspruch zur Realität: Wer täglich mit älteren Menschen arbeitet, weiß, wie aktiv, neugierig und zugewandt viele von ihnen sind. Die Lust auf Neues, auf Gespräch, auf Teilhabe – sie erlischt nicht mit dem Renteneintritt. Aber die gesellschaftlichen Strukturen ermöglichen sie oft nicht mehr. 

Was das mit unserem Berufsfeld zu tun hat 

Für Menschen, die in der Seniorenbetreuung arbeiten, ist dieses Thema kein abstraktes gesellschaftspolitisches Phänomen. Es ist Alltag. Jede Betreuungskraft begegnet ihm – in der Sprache, die sie selbst verwendet, in der Art, wie sie mit ihren Kunden spricht, und nicht zuletzt in der Haltung, mit der sie ihnen begegnet. 

Die Frage lautet nicht, ob man Ältere „respektiert“. Das tun die meisten selbstverständlich. Die eigentliche Frage ist subtiler: Spreche ich mit meinen Betreuten auf Augenhöhe? Frage ich sie nach ihrer Meinung – oder setze ich voraus, dass ich weiß, was sie brauchen? Erkläre ich ihnen etwas, das sie längst wissen? Mache ich Komplimente, die eigentlich keine sind? 

Biographiearbeit, personenzentrierte Betreuung, Wertschätzung der Lebensleistung – das sind keine Schlagworte aus dem Fortbildungskatalog. Es sind Haltungen, die täglich neu eingenommen werden müssen. Und die umso leichter fallen, wenn man verstanden hat, welche gesellschaftlichen Bilder über das Alter im Hintergrund wirken. 

Ein Bewusstsein, das sich lohnt 

Ataman fordert, den Begriff „Lebensalter“ in Artikel 3 des Grundgesetzes aufzunehmen – als klares Signal, dass Diskriminierung aufgrund des Alters auf der gleichen Ebene steht wie jede andere Form der Benachteiligung. Ob dieser Schritt kommt, bleibt abzuwarten. 

Was nicht abgewartet werden muss: das eigene Nachdenken darüber. Denn wer täglich mit älteren Menschen arbeitet, hat eine besondere Möglichkeit – und eine besondere Verantwortung. Nicht nur, um Diskriminierung zu erkennen, wenn sie von außen kommt. Sondern auch, um die eigenen, oft unbewussten, Altersbilder immer wieder zu reflektieren. 

Das nächste Mal, wenn man jemandem sagen möchte, er sehe für sein Alter gut aus: vielleicht einfach sagen, dass er gut aussieht. Punkt. 

 Quelle: „Ageismus – Altersbilder und Altersdiskriminierung in Deutschland“ der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. 

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