Über das Älterwerden, die Liebe zum Vertrauten und die erstaunliche Frage, warum plötzlich sogar der Joghurtdeckel verdächtig ist
Es beginnt selten mit den großen Dingen. Nicht mit Politik, Moral oder dem Zustand der Welt. Eher mit Dingen des alltäglichen Lebens, sagen wir zum Beispiel mit einem lapidaren Joghurt: „Das braucht doch kein Mensch.“
Ein Satz, der vermutlich älter ist als die Menschheit…
Die Feststellung wird in einem Ton ausgesprochen, als hätte der Hersteller nicht bloß die Verpackung des Milchproduktes überarbeitet, sondern heimlich die Verfassung außer Kraft gesetzt. Der Deckel ist anders. Die Schrift kleiner. Der Becher irgendwie dünner. Und überhaupt: Früher konnte man einen Joghurt noch öffnen, ohne vorher ein Studium als Verpackungsingenieur abgeschlossen zu haben.
Wie schon erwähnt: Gemeint sein kann fast alles, das Portfolio ist groß. Ein Smartphone. Hafermilch. Ein E-Bike. Ein QR-Code auf der Speisekarte. Selbstbedienungskassen. Eine elektrische Zahnbürste mit Bluetooth. Bei Letzterem darf man allerdings in der Tat kurz innehalten. Warum eine Zahnbürste mit einem Telefon kommunizieren muss, während große Teile der Menschheit schon an der Kommunikation untereinander scheitern, ist (und bleibt) tatsächlich eine offene Frage.
Aber werden wir im Alter wirklich so?
So was? Werden Sie fragen…
So spießig? Konservativ? Altbacken?
Sitzen wir irgendwann in unserem Sessel, umgeben von Dingen, die sich seit 1987 bewährt haben, und betrachten jede Neuerung als persönlichen Angriff? Werden Menschen im Alter so?
Die Wissenschaft sagt: ein bisschen, ja. Was ausgesprochen beruhigend ist, denn die Wissenschaft sagt selten einfach nur „ja“ oder „nein“. Sonst wären ganze Universitätsinstitute arbeitslos.
Der Mensch wird nicht fertig
Lange hielt sich die Vorstellung, Persönlichkeit funktioniere ungefähr wie Gips. In der Jugend wird angerührt, mit 30 ist alles trocken, und danach bleibt der Mensch, wie er eben geraten ist. Inzwischen weiß man: So einfach ist das nicht.
Persönlichkeit verändert sich ein Leben lang. Nicht dramatisch und nicht bei jedem Menschen gleich, aber durchaus messbar. Viele Menschen werden mit zunehmendem Alter emotional stabiler, gewissenhafter und verträglicher. Bei der Offenheit für Neues zeigt sich dagegen häufiger ein Rückgang. Das klingt zunächst nach Verknöcherung. Es könnte aber auch Erfahrung sein.
Denn wer 80 Jahre alt ist, hat schon eine bemerkenswerte Zahl angeblich unverzichtbarer Neuerungen überlebt. Telefonkarten. Aerobic. Dauerwellen. Faxgeräte. Tamagotchis. Kohlsuppendiäten. Videorekorder. Diätmargarine. Und ungefähr 27 Lebensmittel, die uns in lockerer Folge ewige Gesundheit versprochen haben.
Wer das alles gesehen hat, gerät wegen Chiasamen im praktischen Portionierer nicht mehr außer sich.
Vielleicht ist das gar nicht konservativ. Vielleicht ist es ein sehr gut trainiertes Augenbrauenheben. Und ein „danach beim Wesentlichen bleiben“…
Früher war mehr Lametta. Und mehr Telefon
Natürlich verändert sich nicht nur der Mensch. Auch die Welt tut es. Und zwar inzwischen in einem Tempo, bei dem selbst jüngere Menschen gelegentlich gern irgendwo aussteigen würden.
Ein Mensch, der 1940 geboren wurde, kam in eine Welt ohne Internet, ohne Smartphones, ohne Geldautomaten, ohne Navigationsgeräte und ohne die Möglichkeit, beim Frühstück zu erfahren, was ein unbekannter Mann in Ohio vor sieben Sekunden über eine Fernsehserie geschrieben hat. Bestenfalls.
Dieser Mensch hat erlebt, wie Telefone erst Wählscheiben hatten, dann Tasten, dann keine Kabel und schließlich überhaupt keine Tasten mehr. Heute kann man einem kleinen schwarzen Rechteck per Sprachfunktion mitteilen: „Ruf meine Tochter an“, und es antwortet.
Das ist, nüchtern betrachtet, einigermaßen verrückt. Beziehungsweise geradezu intergalaktisch.
Gleichzeitig verschwinden vertraute Strukturen. Die Bankfiliale schließt. Die Fahrkarte steckt im Handy. Der Arzttermin wird online gebucht. Im Restaurant liegt keine Speisekarte mehr, sondern ein schwarz-weißes Quadrat auf dem Tisch, das man fotografieren soll. Wenn ich in mein Lieblings-Naturkundemuseum möchte, muss ich eine Onlinekarte buchen, die ich am Eingang über mein Handy präsentiere und scanne…
WAS? ABER WARUM?
Und wenn man das nicht möchte, steht schnell das Wort „technikfern“ im Raum. Oder eben „OmaundOpaModus“… Dabei möchte der betreffende Mensch vielleicht einfach nur wissen, was die Suppe kostet.
Die Vorliebe für Bekanntes ist deshalb nicht automatisch Starrsinn. Vertraute Abläufe sparen Kraft. Sie geben Orientierung. Und je unübersichtlicher die Welt wird, desto kostbarer kann diese Orientierung werden. Man könnte sagen: Gewohnheiten sind die kleinen Handläufe des Alltags. Man muss sie nicht ständig abschrauben, nur weil es inzwischen modernere gibt. Oder, verflucht nochmal – werden wir doch im Alter langsam zu unseren „ollen Eltern“, zu denen wir nie werden wollten?
Allerdings gibt es dann auch noch Frau Schneider
Frau Schneider ist 84. Sie hat kürzlich erfahren, was künstliche Intelligenz ist, und findet sie „hochinteressant“. Ihre Enkelin hat ihr gezeigt, wie man mit einem Sprachassistenten spricht. Frau Schneider bestellt Bücher im Internet und möchte demnächst Sushi probieren.
Ihr Nachbar ist 61 und hält kontaktloses Bezahlen für den Untergang des Abendlandes.
Das Alter, so viel steht fest, ist ein miserabler Charakterdiagnostiker: Es gibt 90-Jährige, die neugierig auf die Welt schauen, und 40-Jährige, die innerlich bereits die Rollläden heruntergelassen haben. Denn wir werden im Alter nicht plötzlich jemand anderes. Wir werden häufig sogar deutlicher derjenige, der wir ohnehin schon waren.
Wer sein Leben lang neugierig war, Fragen gestellt, gelesen, diskutiert und sich für andere Menschen interessiert hat, verliert diese Eigenschaften nicht automatisch mit dem Rentenbescheid. Und wer bereits mit 35 der festen Überzeugung war, dass nach 20 Uhr nichts Vernünftiges mehr passiert, wird mit 78 vermutlich nicht spontan zum Nachtleben von Berlin wechseln.
Vielleicht ist das eine der großen Ungerechtigkeiten des Alters: Es nimmt uns nicht nur manches. Es verrät uns auch.
Die Kunst, keine Zeit mehr zu verschwenden
Etwas anderes geschieht ebenfalls: Mit zunehmendem Alter verändert sich häufig der Blick auf Zeit. Mit 20 scheint das Leben ein riesiges Gelände zu sein. Man kann Umwege machen, herumstehen, falsche Leute kennenlernen, drei Stunden auf einer Party verbringen, auf der man niemanden mag, und anschließend noch eine halbe Nacht darüber reden, warum es trotzdem ganz interessant war.
Später im Leben wird Zeit kostbarer.
Die Psychologin Laura Carstensen beschreibt mit ihrer sozioemotionalen Selektivitätstheorie, dass Menschen, die ihre verbleibende Lebenszeit als begrenzter wahrnehmen, ihre Aufmerksamkeit stärker auf emotional bedeutsame Beziehungen und Erfahrungen richten.
Das klingt wissenschaftlich. Im wirklichen Leben heißt es vielleicht einfach: Ich muss nicht mehr überall hin. Und womöglich ist das einer der größten Luxusartikel des Alters.
Das wird von außen gelegentlich als Rückzug betrachtet. Vielleicht ist es aber Auswahl? „Probieren Sie doch mal!“
Hier kommen nun Betreuungskräfte ins Spiel. Sie begegnen dieser eigentümlichen Mischung aus Gewohnheit, Lebenserfahrung, Vorsicht und Neugier jeden Tag: Da sitzt eine Kundin auf ihrem Stammplatz. Da möchte jemand keinen Smoothie. Da weigert sich ein älterer Herr, beim Gedächtnisspiel mitzumachen. Da soll jemand „doch wenigstens einmal“ etwas Neues ausprobieren. „Kommen Sie, das macht bestimmt Spaß!“
Dieser Satz gehört zu den gefährlichsten Sätzen der gut gemeinten Betreuung.
Stellen Sie sich vor, morgens klingelt jemand bei Ihnen, räumt Ihren Lieblingssessel um, ersetzt den Kaffee durch Fencheltee und erklärt anschließend mit strahlendem Gesicht:
„Seien Sie doch mal ein bisschen offen!“
Die meisten von uns würden innerhalb weniger Minuten eine erstaunlich konservative Persönlichkeit entwickeln. Oder vielleicht sogar zur “Verteidigung des eigenen Territoriums” mit einem harten Gegenstand schmeißen. Vielleicht sollten wir deshalb bei älteren Menschen öfter unterscheiden zwischen „kann nicht“, „traut sich nicht“ und „will nicht“.
Das Letzte ist nämlich erlaubt.
Und wo wohnt die Neugier?
Vielleicht ist ohnehin die interessantere Frage nicht, ob Menschen im Alter konservativer werden. Sondern: Wofür bleiben sie offen? Denn Neugier verschwindet nicht unbedingt. Sie verändert manchmal nur ihre Adresse.
Der eine möchte mit 86 wissen, wie künstliche Intelligenz funktioniert. Die andere interessiert sich nicht die Bohne dafür, möchte aber plötzlich erfahren, wo ihre Großmutter 1923 gewohnt hat. Jemand entdeckt mit 79 Hörbücher oder fängt mit Mitte 70 an, französische Literatur der Spätromantik zu studieren. Ein anderer verliebt sich mit 81. Eine Frau beginnt mit 75 zu malen. Ein Mann, der sein Leben lang keinen Fuß in ein Museum gesetzt hat, bleibt plötzlich eine halbe Stunde vor einem Bild stehen.
Menschen sind erfreulich unzuverlässig, wenn es darum geht, unseren Vorstellungen von ihnen zu entsprechen.
Das gilt für uns alle – und das gilt besonders für alte Menschen. Denn „die Alten“ gibt es nicht. Unter den heutigen 80-Jährigen sitzen ehemalige Hippies neben früheren Bankdirektorinnen, Hausfrauen neben Professorinnen, Menschen, die gegen gesellschaftliche Konventionen rebelliert haben, neben solchen, die ihr Leben lang fanden, dass Konventionen eine ausgezeichnete Sache sind.
Sie haben gearbeitet und geliebt, gestritten und verloren, Kinder großgezogen, Ehen ausgehalten oder beendet, demonstriert oder über Demonstranten geschimpft, fünf Kontinente bereist oder ihr Dorf kaum verlassen.
Und ausgerechnet mit 80 sollen sie plötzlich alle gleich sein?
Das wäre nicht nur überraschend, sondern auch sehr enttäuschend.
Und wenn Frau Schneider mit 84 demnächst Sushi bestellt, während ihr 61-jähriger Nachbar weiterhin der kontaktlosen EC-Karte misstraut, dann ist eigentlich alles in bester Ordnung. Nur die Sache mit der WLAN-Zahnbürste sollten wir vielleicht noch einmal grundsätzlich besprechen.





