Nina Falkenstein hatte schon wieder eine sehr unruhige Nacht hinter sich.
Nicht wegen der Smaragde oder des ägyptischen Diplomaten, der inzwischen offenbar verlangte, man möge ihm „aus Respekt vor den Mondfeen“ ein Opfer bringen. Nein. Nina hatte schlecht geschlafen, weil sie in der Nacht immer wieder dieses Geräusch hörte. Also, nicht richtig hörte – eher in Gedanken: Pring-priiing. Wie zwei winzige Metallteile, die sich zärtlich begrüßten und ihre Synapsen am Einschlafen hinderten.
An diesem Morgen saß Nina wieder am Küchentisch von Frau Moospichler. Der Tee dampfte. Die Kekse lagen geschniegelt auf dem Teller. Und Horus saß im Käfig, ebenfalls in bester Manier – wie immer.
Die Manier war fast ein wenig zu perfekt, wenn man Nina fragte.
Frau Moospichler hatte ihr „Frühstücksprogramm“ bereits vorbereitet: Müsli, Kaffee… und einen Apfel, fein säuberlich in Stücke geschnitten. „Sie sind heute so blass“, sagte sie freundlich. „Sie müssen mehr essen, Kind. Vitamine, hier!“ Nina nickte. Nahm aber nicht selbst von dem Obst, sondern schob den Apfel leicht provokativ ein Stück näher zum Käfig. „Horus bekommt auch mal was Frisches“, sagte sie beiläufig. „Ein bisschen Obst. Das ist auch für ihn gesund.“
Frau Moospichlers Hand schoss vor. Nicht hektisch. Nicht panisch. Aber… einen Tick zu schnell. „Nein!“, sagte sie. Dann lächelte sie sofort, als hätte sie nur einen schlechten Witz gemacht. „Also… nein, Horus… der mag das nicht. Der ist… empfindlich.“ Nina hielt inne. „Empfindlich?“, fragte sie sanft.
Frau Moospichler rührte in ihrem Tee, ohne ihn anzusehen. „Hirse ist das Beste“, sagte sie. „Immer schon. Hirse, Kind. Alles andere… liegt ihm schwer im Magen.“
Nina lächelte. „Ein Vogel, der nur Hirse frisst“, sagte sie. „Wie praktisch.“
Horus hob den Kopf. Und in diesem Moment flackerte das winzige blaue Licht an der Schaukel. Ganz kurz. Wie ein Auge, das blinzelt. Nina griff nach ihrem Handy. Nur um auf die Uhr zu schauen. Das Display zeigte: Kein Netz. „Merkwürdig“, murmelte Nina. „Hier ist der Empfang heute besonders schlecht.“ Frau Moospichler lächelte, ohne die Zähne zu zeigen. „Ach, das ist hier öfter so. Dicke Wände. Altbau. Sie wissen ja.“ Nina nickte. „Oder“, sagte sie leise, „weil jemand die ganze Zeit sendet.“
Stille.
Horus sagte: „On.“
Nina stellte die Tasse ab. Dann fragte sie, so freundlich wie möglich: „Wann waren Sie eigentlich mit Horus zum letzten Mal beim Tierarzt?“ Frau Moospichler hielt inne. Der Löffel blieb in der Luft stehen. Nicht zitternd. Nicht erschrocken. Eher so, als hätte jemand das Bild im Raum auf Zeitlupe gestellt. „Beim Tierarzt?“ wiederholte sie bedächtig und lächelte. „Ach, Kind… Horus ist doch kerngesund.“
„Und in der ganzen Zeit davor?“
„Davor…? Was heißt denn davor? Vor was…?“ Frau Moospichler reagierte etwas unwirsch, denn sie suchte. Weniger nach einer Erinnerung als nach einer – sagen wir: Nach einer passenden Geschichte.
Horus piepste: „Wartung ausreichend.“
Nina atmete aus. Ganz langsam. „Das ist kein Vogel“, sagte sie gerade heraus und sah Frau Moospichler dabei direkt ins Gesicht.
Frau Moospichler blickte zurück. Ungerührt. In ihrem Blick lag etwas, was Nina bisher noch nie gesehen hatte: Keine Bosheit. Oder Wut. Nur Kontrolle.
„Sehr gut“, sagte Frau Moospichler und glättete sorgfältig mit den Händen die Falten ihres Rocks: „Sie lernen schnell.“
Sie stand auf. Langsam. Würde- und teetassenfest. So langsam, dass es nicht wie eine einfache Bewegung wirkte, sondern wie eine Entscheidung. Sie griff nach der kleinen Fernbedienung, die Nina bisher den Rollos in der Küche zugeordnet hatte. Ein unscheinbares Ding. Grau. Abgewetzt. Unverdächtig. Wie alles, was gefährlich war.
„Die Rollos?“, fragte Nina tonlos. Frau Moospichler lächelte. „Unter anderem.“ Und drückte auf einen Knopf.
Ein leises Surren setzte ein. Gleichmäßig und unspektakulär. Neben dem Gewürzregal begann sich die Wand zu bewegen. Sie glitt nach unten. Millimeter für Millimeter. Wie ein Theater-Vorhang.
Dahinter: Eine Schalttafel. Kühl. Präzise. Mit kleinen Lämpchen. Anzeigen. Zahlen. Koordinaten. Ein Bildschirm zeigte eine Karte der Stadt, darauf winzige Punkte, die sich bewegten. Eine stille, technische Kommandozentrale.
Nina blinzelte. „Wo sind die anderen?“, fragte Nina heiser. „Da sind doch noch mehr, oder?“
Frau Moospichler hob die Schultern, als ginge es um ein paar Konserven in der Vorratskammer. „Oh, die sind nicht hier“, sagte sie mild. „Die werden woanders gewartet. Verwahrt. Gepflegt. Man lässt doch seine Lieben nicht in der Küche herumstehen.“
Horus saß im Käfig und hielt, fast wie zur Bestätigung, Selbstgespräche:
„Heiko lieb. Küsschen. Küsschen.“ „Verdammt nochmal – dieser Heiko. Das war wirklich eine Fehllieferung und der erste wirkliche Schnitzer in all‘ der Zeit …!“ Frau Moospichlers Fingernägel krallten sich für einen Moment in die Handflächen, sie starrte Horus / Heiko mit zusammengekniffenen Augen an und schüttelte den Kopf. Nina spürte, wie ihr ein kalter Schauer den Rücken hinablief. Frau Moospichler trat an den Käfig, öffnete ihn, und Horus flog sofort auf ihre Schulter. Präzise und unbeirrbar – ein Magnet, der endlich am richtigen Ort ankommt.
„Sehen Sie“, sagte Frau Moospichler leise. „Das ist das Schöne.“ Sie streichelte Horus über den Kopf, und der Vogel blieb vollkommen still. „Die Zuneigung einer solchen kleinen, perfekten Maschine ist verlässlicher als die eines echten Sittichs. Echte Tiere haben Launen. Echte Tiere werden krank. Echte Tiere…“ Sie atmete einmal tief ein und aus und schaute Nina tief in die Augen:“ … enttäuschen.“
Dann lächelte sie Nina an, beinahe mütterlich. „Diese hier nicht.“
Auf dem Bildschirm blinkten Namen auf.
Hans. Hermann. Hubert. Hegebarth.
Nina starrte auf die Liste. „Alle mit H…“, flüsterte sie.
„Natürlich“, sagte Frau Moospichler. „H ist der achte Buchstabe.“
Sie sprach das aus, als wäre es ein Naturgesetz.
„Die Acht“, fuhr sie fast feierlich fort, „ist das Zeichen der Unsterblichkeit. Der Ewigkeit. In China ist sie das Symbol für Wohlstand und Reichtum.“
Nina schluckte.
„Und wissen Sie was, Frau Falkenstein?“ Frau Moospichler trat näher an die Schalttafel, als sei sie ein Altar.
„Mit diesen kleinen Wesen werde ich die Stadt übernehmen.“
Horus piepste: „Küsschen!“
Frau Moospichler lächelte, ohne ihn anzusehen.
„Ich werde mir den Wohlstand erfliegen. Ich werde mir nehmen, was man mir mein Leben lang nicht geben wollte.“
Sie drehte sich zu Nina um.
„Und irgendwann“, sagte sie leise, fast zärtlich, „werde ich irgendwo sitzen… als durchgeknallte alte Schrulle, wie alle es nennen werden… die keiner mehr so richtig ernst nimmt und ein wunderbares Leben führen. Im Kreise meiner flatternden Lieben, die dafür sorgen, dass es mir immer gut geht“.
Nina brachte konnte nur mühsam sprechen. „Der Smaragd“, sagte sie fast tonlos.
„Der Smaragd“, bestätigte Frau Moospichler.
„Und die Laseralarmanlage war an.“
„Natürlich war sie an“, sagte Frau Moospichler. „Das ist ja das Schöne. Alle glauben, es sei unmöglich.“
Sie sah Nina an, als würde sie einem Kind erklären, warum man bei Regen einen Schirm braucht. „Ein Mensch stolpert. Ein Mensch schwitzt. Ein Mensch zittert. Ein Mensch löst Alarm aus.“
Sie deutete auf den Käfig. „Ein Vogel fliegt. Unter, über, neben, durch alle Laseranlagen, wenn es sein muss. Auch mit Gewicht im Schnabel…“!
Frau Moospichler schaute Nina an, leichter Triumph zeichnete sich in ihren Zügen ab, als wolle sie sagen: „Und all‘ das ist mein Werk!“ Stattdessen bemerkte sie aber recht pragmatisch: „Sie werden Kommissar Runde anrufen“ als lese sie Nina den nächsten Schritt von den Augen ab. „Sie werden ihm alles erzählen. Sie werden ‚Maschinenwellensittich‘ sagen, „viele davon“ und ‚Laser‘ und ‚Smaragd‘ und ‚Einkaufsdienst‘.“
Frau Moospichler hob eine Augenbraue: „Und wissen Sie, was er tun wird?“
Nina schüttelte kaum merklich den Kopf.
Frau Moospichler lächelte sanft. „Er wird Kaffee trinken.“
„Ich musste Sie da leider mit reinziehen, Frau Falkenstein, nachdem Sie Ihren Urlaub damals umgelegt haben und unerwarteter Weise da waren, als Horus zur Wartung war… Wie sonst hätte ich seine Abwesenheit erklären sollen, als durch eine Entführung? Wären Sie pünktlich in den Urlaub gefahren, hätten Sie das alles gar nicht mitbekommen!“.
Ein kurzer Moment Stille.
Dann trat Frau Moospichler noch näher an Nina heran, beugte sich ein wenig vor und sagte mit dieser ganz besonderen Mischung aus Freundlichkeit und Schierlingsbecher:
„Und Kindchen…“
Nina hob den Blick.
„Sie sollten nicht jeden Tee trinken, den man Ihnen anbietet.“
Nina sah auf ihre Tasse. Der Tee war noch warm. Zu warm.
Sie wollte etwas sagen, doch ihre Zunge fühlte sich plötzlich schwer an, als hätte man ihr einen winzigen Stein daruntergelegt.
„Was…“, begann sie.
Frau Moospichler richtete sich auf, elegant wie eine Dame, die gerade eine Theaterloge verlässt. In kerzengerader Haltung und hocherhobenen Hauptes. Ganz die Gouvernante, die sie in jungen Jahren einmal war. Horus auf ihrer Schulter kommentierte fröhlich: „Heiko lieb.“
Frau Moospichler drückte erneut auf die Fernbedienung. Ein Teil der Schalttafel bewegte sich. Ein schmaler Spalt öffnete sich dahinter. Ein Gang. Dunkel. Tief. Wie der Schlund eines Hauses, das mehr wusste, als es zeigen wollte.
Und Sie ging. Langsam. Majestätisch. Gewogenen Schrittes – als hätte sie alle Zeit der Welt. Und das, was dahinter kam, gehörte ihr.
Nina wollte aufspringen. Aber ihre Beine waren plötzlich… nicht mehr auf ihrer Seite. Die Bilder begannen zu schwimmen. Nicht stark. Nur so, als hätte jemand einen Schleier über die Wirklichkeit gelegt.
Frau Moospichler drehte sich im Gehen noch einmal um.
„Ach“, sagte sie leise, „und Frau Falkenstein…“
Nina blinzelte.
„Wenn Sie jetzt schon stürzen… dann bitte nicht auf den Teppich. Den hab‘ ich gerade erst gereinigt.“
Dann verschwand sie im Gang und wurde langsam vom Dunkel am anderen Ende aufgenommen. Die Wand glitt wieder nach oben. Gemächlich. Geräuschlos. Als wäre da nie etwas gewesen. Keine Lichter, keine Karte, keine Schalttafel, keine blinkenden Namen mit „H“.
Nur ein Gewürzregal. Salz. Pfeffer. Kräuter der Provence. Maggiflasche. Normalität.
Nina saß am Tisch. Die Küchenuhr tickte leise – sie starrte auf den Tee. Sie musste Runde anrufen. Sie musste. Sie griff nach ihrem Handy. Ihre Finger fühlten sich an wie Watte. Sie entsperrte. Das Display verschwamm kurz. Sie suchte die Nummer.
R…
u…
n…
„Runde“, flüsterte sie, als wollte sie sich selbst antreiben. Ihr Daumen rutschte.
Sie tippte erneut.
Run…
d…
e…
„Ruuuun…“, hauchte sie, und ihre leiser werdende Stimme klang, als käme sie aus einem anderen Zimmer.
Ganz weit weg hörte sie Horus’ Stimme. Wie ein Echo in einem Gang.
„Heiko lieb…!“
Nina spürte, wie ihr Kopf schwer wurde. Der Tisch kam näher. Oder sie kam dem Tisch näher. Sie wollte noch einmal Luft holen. Doch die Welt wurde weich. Und dunkel.
Und irgendwo, in der Ferne, als wäre es das letzte, was diese Stadt je hören würde, klang es noch einmal:
Pring-priiiiing.
Und?
Hätten Sie das gedacht?
Dass ausgerechnet Frau Moospichler…?
Dass ausgerechnet der Tee…?
Dass ausgerechnet ein Wellensittich…?
Und nun die entscheidenden Fragen:
• Wird Nina Falkenstein wieder aufwachen?
• Wird sie es noch schaffen, Kommissar Runde zu erreichen…?
• Und wenn Runde wirklich noch einmal auf die Bildfläche tritt: Wird er diesmal endlich glauben, dass manche Verbrechen nicht mit Fingerabdrücken beginnen… sondern mit einem freundlichen „Küsschen“?
Eines ist jedenfalls sicher: In dieser Stadt zwitschert nichts mehr ganz unschuldig.
Und irgendwo… ganz irgendwo… bestellt gerade jemand Hirse bei einem Lieferdienst…
Fortsetzung nicht ausgeschlossen… 😉




