Der CarePro Kunsttipp: William Utermohlens Selbstporträts als Chronik einer Demenz

von | Juni 3, 2026

Als das Gesicht verschwand  

Es gibt Krankheiten, die rauben dem Menschen Fähigkeiten. Und es gibt Krankheiten, die rauben ihm die Landkarte zu sich selbst. 

Als der amerikanisch-britische Maler William Utermohlen 1995 die Diagnose Alzheimer erhielt, tat er etwas, das nur wenige Menschen vermögen: Er begann, den Verlust zu dokumentieren. Nicht in Tagebüchern. Nicht in medizinischen Akten. Sondern auf Leinwand. 

Was folgte, gehört heute zu den eindrucksvollsten künstlerischen Zeugnissen einer Demenzerkrankung überhaupt. Über mehrere Jahre malte Utermohlen immer wieder sich selbst. Jedes Bild wurde zu einer Bestandsaufnahme. Jedes Selbstporträt zu einer Frage: Wer bin ich noch, wenn die Erinnerungen verschwinden? 

Der Mann, der sich betrachtete, war kein Anfänger. William Utermohlen hatte Jahrzehnte als figurativer Maler gearbeitet. Seine Bilder waren komplex, räumlich durchdacht, psychologisch präzise. Und dann begann die Krankheit. 

Die frühen Selbstporträts nach der Diagnose wirken zunächst beinahe trotzig. Der Künstler blickt dem Betrachter direkt in die Augen. Die Gesichtszüge sind klar. Die Komposition hält noch zusammen. Doch etwas hat sich bereits verändert. Die Räume werden enger. Die Farben wirken angespannter. Der Blick scheint weniger nach außen als nach innen gerichtet: Als würde jemand versuchen, eine Tür zuzuhalten, hinter der bereits der Wind drängt. 

Mit jedem weiteren Bild verändert sich die Sprache der Malerei. Konturen lösen sich auf. Proportionen geraten ins Wanken. Das Gesicht verliert seine Selbstverständlichkeit. Wo früher ein Mensch dargestellt wurde, erscheint zunehmend eher die Verbildlichung der Anstrengung, einen solchen darzustellen. Besonders erschütternd ist dabei die Tatsache, dass Utermohlen diesen Verlust offenbar selbst wahrnahm. Seine Bilder zeigen keine Unwissenheit. Sie zeigen Bewusstsein. 

Man blickt nicht auf die Krankheit. Man blickt auf einen Menschen, der merkt, dass die Krankheit da ist. 

Das macht diese Arbeiten so außergewöhnlich. Viele medizinische Beschreibungen der Demenz sprechen von Gedächtnisverlust, Orientierungsstörungen oder Sprachproblemen. Utermohlens Bilder zeigen etwas anderes: das Erleben hinter den Symptomen. Sie zeigen Verunsicherung, Angst, den Kampf um Identität. Und sie zeigen eine bemerkenswerte Form von Mut. 

Denn während die Krankheit ihm zunehmend die Fähigkeit nahm, die Welt zu ordnen, bestand er weiterhin darauf, sich zu betrachten. Vielleicht liegt darin die eigentliche Kraft dieser Bilder. Sie erzählen nicht nur von Demenz. Sie erzählen von „sich dennoch selbst nahe sein“. 

In der Betreuung begegnen wir häufig Menschen, deren Biografien bruchstückhaft geworden sind. Namen verschwinden. Zeiträume vermischen sich. Geschichten zerfallen. Doch Utermohlens Werk erinnert daran, dass hinter jeder Einschränkung weiterhin ein Mensch existiert, der etwas empfindet, wahrnimmt und ausdrücken möchte. Auch dann, wenn Worte fehlen. 

Vielleicht deshalb werden seine Selbstporträts heute nicht nur in Kunstkreisen betrachtet. Sie finden ihren Platz in der Medizin, in der Pflegewissenschaft und in der Demenzforschung. Sie helfen dabei zu verstehen, was sich einer Diagnose oft entzieht: die innere Perspektive des Betroffenen. 

Die letzten Zeichnungen wirken beinahe wie Schatten ihrer Vorgänger. Das Gesicht schrumpft zu wenigen Linien. Augen und Mund verlieren ihre Verortung. Die Person scheint sich im Bildraum aufzulösen. Und dennoch geschieht etwas Bemerkenswertes: Selbst in diesen späten Arbeiten bleibt ein Rest von Gegenwart. Ein Blick. Eine Spur. Ein Versuch. Als wolle der Künstler sagen: „Ich bin noch da.“ 

Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft für alle, die Menschen mit Demenz begleiten. Identität verschwindet nicht plötzlich. Sie verändert ihre Form. Sie wird leiser. Zerbrechlicher. Schwerer lesbar. 

Aber sie bleibt. 

William Utermohlen starb 2007, er wurde 73 Jahre alt. Seine Bilder sprechen jedoch weiter. Sie zeigen nicht nur den Verlauf einer Krankheit. Sie zeigen die Würde eines Menschen, der den Mut hatte, dem Vergessen ins Gesicht zu sehen und dieses Gesicht immer wieder zu malen. 

Die Werke, die der Künstler im Laufe der Jahre seiner Krankheit malte, sind unter dieser Internetadresse zu betrachten:  https://www.williamutermohlen.com/1991-2000-late-self-portraits?utm_source=chatgpt.com

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