CarePro Serie „Über den Tellerrand“: Wie lebt es sich mit 80 in…? Heute: Kuba – zwischen Revolution, Salsa und Embargo

von | Juni 26, 2026

Wenn Hector Hernandez am frühen Abend die Fensterläden seiner Wohnung in Centro Habana öffnet, fällt das Licht in schrägen Streifen auf ein Foto seiner Frau, die vor sechs Jahren gestorben ist, und auf eine Wand, deren Putz in der salzigen Luft vom Meer und dem Diesel der Autos längst zu bröckeln begonnen hat. Von der Straße herauf klingt irgendwo ein Tres, diese kleine, hell timbrierte Gitarre, auf der schon Generationen von Havanneros ihre Sons gespielt haben. Hector ist 82, Witwer, ehemaliger Ingenieur einer Zuckerfabrik, und er gehört zu jenen, an denen sich ablesen lässt, was es heißt, in Kuba alt zu werden: ein Leben, das von einem der ambitioniertesten Versprechen des 20. Jahrhunderts getragen wurde – und das heute, in seinem neunten Jahrzehnt, mit den Rissen dieses Versprechens auskommen muss.

Die Zahlen sprechen zunächst für eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte. Mit knapp 79 Jahren liegt die Lebenserwartung in Kuba unter den höchsten Lateinamerikas, Frauen werden im Schnitt sogar über 80. Das ist kein Zufall, sondern das Resultat eines Gesundheitssystems, das Fidel Castro 1960 in der „Erklärung von Havanna“ als Bürgerrecht verankerte: kostenlose medizinische Versorgung für alle, getragen von einem engmaschigen Netz aus Hausärzten, die buchstäblich Tür an Tür mit ihren Patienten leben. Vor der Revolution hatte ein Großteil der Landbevölkerung praktisch keinen Zugang zu Ärzten; heute betreut ein médico de familia, gemeinsam mit einer Krankenschwester, einige hundert Familien in seinem Viertel – auch in den entlegensten Bergdörfern der Sierra Maestra. Für Hector bedeutet das: Einmal im Monat klopft seine Ärztin an seine Tür, misst Blutdruck und Zucker, fragt nach seiner Stimmung, nach seinem Schlaf. Es ist ein Modell, das die Weltgesundheitsorganisation über Jahrzehnte als vorbildlich gerühmt hat – und das Kuba zugleich mehr Ärzte pro Einwohner verschafft hat als Deutschland oder die USA.

Die eigentliche Schwierigkeit nach dem Arztbesuch – an der Apotheke. Hector nimmt einen Gerinnungshemmer und ein Mittel gegen seinen hohen Cholesterinspiegel, zwei Medikamente, ohne die sein Herz in akuter Gefahr wäre. Beides ist auf der staatlichen Liste der unentbehrlichen Arzneien verzeichnet – und beides fehlt in den Apotheken seines Viertels über Wochen, manchmal Monate. Ende 2024 waren landesweit mehr als 460 essenzielle Medikamente entweder gar nicht oder nur in geringen Mengen verfügbar, im Sommer 2025 räumte die kubanische Gesundheitsministerin ein, dass nur noch rund dreißig Prozent der Grundversorgung gedeckt seien. Die Regierung verweist auf die US-Sanktionen. Und auf die verschärfte Öl-Blockade, die selbst Krankenhäuser zwingt, Stromverbrauch und damit Diagnosegeräte zu rationieren – in mehreren Provinzen fällt der Strom bis zu 19 Stunden am Tag aus. Tatsächlich sind Medikamente formal vom Embargo ausgenommen, doch die mittelbaren Folgen wirken faktisch wie eine Barriere: Blockierte Bankgeschäfte, Schiffe, die nach einem Kuba-Anlauf monatelang nicht in US-Häfen anlegen dürfen und internationale Lieferanten, die aus Furcht vor amerikanischen Sanktionen zurückschrecken. Hinzu kommen hausgemachte Probleme: jahrzehntealte, kaum gewartete Anlagen, eine schwerfällige Planwirtschaft, den Mangel an Devisen für Rohstoffe. Vermutlich ist es, wie so oft auf der Insel, beides zugleich. Jedenfalls verlässt Hector sich längst nicht mehr allein auf die Apotheke: Sein Sohn, der vor zehn Jahren nach Miami ging, schickt zweimal im Jahr ein Paket mit Tabletten, die der kubanische Zoll seit 2021 zollfrei durchlässt – eine kleine bürokratische Geste in einem System, das sonst wenig durchlässt.

Fast ein Viertel der Kubaner ist über sechzig. Die Gründe dafür liegen nicht nur in der hohen Lebenserwartung, sondern auch darin, dass seit der Pandemie mehr als eine Million Menschen das Land verlassen haben, der überwiegende Teil im erwerbsfähigen Alter zwischen fünfzehn und sechzig. Wer bleibt, sind oft die Alten – und nicht selten ihre Enkelkinder, die von den ausgewanderten Eltern zurückgelassen wurden. So sind die Großeltern in Kuba nicht nur Pflegefälle, sondern selbst tragende Säulen: Sie stehen in den endlosen Schlangen vor den Lebensmittelläden, sie hüten die Kinder, sie verwalten das wenige, was im Haushalt an Bargeld und Beziehungen vorhanden ist. Die staatliche Rente trägt dazu kaum etwas bei: Sie liegt im Schnitt bei rund 1.700 kubanischen Pesos, was zum informellen Wechselkurs nicht einmal zehn Dollar entspricht, während allein für eine Grundversorgung mit Lebensmitteln im Monat das Zwanzigfache nötig wäre. Es ist keine Seltenheit, alte Menschen abends mit einem Sack durch Havannas Straßen ziehen zu sehen, auf der Suche nach Pfandflaschen und Aluminium. Ohne Angehörige im Ausland, die Geld oder Pakete schicken, wie Hectors Sohn es tut, wäre für viele das Überleben kaum zu sichern.

Eine eigene, leisere Geschichte schreibt das Land bei der Demenz. Kuba hat, früher als die meisten Länder Lateinamerikas, eine nationale Strategie gegen Alzheimer und verwandte Demenzformen verabschiedet, Gedächtnissprechstunden und Tageszentren eingerichtet. Die kubanische Alzheimer-Sektion, gegründet 1996, schult Angehörige, organisiert Selbsthilfegruppen. Wer in einem der gut 190 staatlichen Altenheimen – jenen Tageszentren, in denen Senioren betreut, beschäftigt und ernährt werden, während die Familie arbeitet – einen Platz bekommt, hat Glück; die Warteliste ist lang, das Personal knapp.

Und damit zeigt sich auch das alte kubanische Stadt-Land-Gefälle, nur umgekehrt zu dem, was man erwarten würde. Es war einst der Stolz der Revolution, gerade die entlegensten Bergdörfer mit Ärzten zu erreichen. Heute sind es die ländlichen Regionen, aus denen die Jüngeren in die Städte oder ins Ausland abwandern, sodass ganze Provinzen, wie Demografen es nennen, „entvölkert und überaltert“ zurückbleiben – mit Feldern, auf denen niemand mehr die Ernte einbringt, und Consultorios, deren Arzt selbst längst nach Brasilien oder Spanien gegangen ist, wo kubanische Mediziner im Rahmen von Auslandsprogrammen noch immer als Exportgut der Revolution gelten. Havanna dagegen, bei aller Erschöpfung seiner Infrastruktur, konzentriert noch immer die meisten Fachärzte, die besser ausgestatteten Kliniken, die kürzeren Wege. Alt werden in Kuba ist, so gesehen, auch eine Frage der Postleitzahl.

Was bleibt, wenn der Staat seine Versprechen nur noch lückenhaft einlöst, ist oft die Musik. Hector geht, wenn seine Knie es zulassen, noch immer hinunter auf die Straße, wenn am Abend jemand ein Radio aufstellt oder eine Casa de la Trova ihre Türen öffnet. Tanzen kennt in Kuba kein Mindest- oder Höchstalter; es ist, neben der Familie, vielleicht die verlässlichste soziale Infrastruktur der Insel. Wer Hector heute auf der Straße sieht, sieht einen Mann, zwischen den großen Worten der kubanischen Geschichte – Revolution, Embargo, Krise – der sein eigenes, kleines Gleichgewicht gefunden hat. Es ist ein prekäres Gleichgewicht. Aber es schwingt im Rhythmus der Congas.

*Quellen * UN World Population Prospects / georank.org (Lebenserwartung); Our World in Data, populationpyramids.org (Demografie); cubaplatform.org, Wikipedia „Healthcare in Cuba“, American Board of Family Medicine (Gesundheitssystem); Think Global Health, eltoque.com, cubaheadlines.com, cibercuba.com (Medikamentenmangel, Ölblockade 2026); cibercuba.com, directoriocubano.info (Renten); SciELO MEDICC Review, Alzheimer’s Disease International, PMC (Demenzstrategie, 10/66-Studie, taz.de, nd-aktuell.de (Migration/Alterung, Ärzte-Export

Das könnte Sie auch interessieren: