Die Bibliothek der Dinge: Ausleihen statt besitzen

von | Juni 22, 2026

Bibliothek der Dinge: Ein Begriff, der in etwas widersprüchlichen Schuhen daherkommt. Eine Bibliothek, das wissen wir, beherbergt Bücher, vielleicht noch Zeitschriften, in den fortschrittlicheren Häusern auch DVDs. Aber Nähmaschinen? Akkuschrauber? Virtual Reality -Brillen, mit denen man sich für eine Stunde auf den Mount Everest beamen kann, ohne die eigene Wohnung zu verlassen? Genau das ist es, was in immer mehr deutschen Städten entsteht: Orte, an denen man sich Dinge leiht, die man selten braucht, aber gelegentlich gut gebrauchen könnte. Unterdessen sind es über 150 ”Bibliotheken der Dinge” die in Deutschland – meistens in den ortsansässigen Stadtbüchereien – implementiert wurden. Ein Konzept, das so simpel ist, dass man sich fragt, warum es nicht längst überall existiert. 

Die Idee dahinter ist ökonomisch und ökologisch zugleich – warum sollte jeder Haushalt eine eigene Lötstation besitzen, wenn sie im Schnitt zweimal im Jahr zum Einsatz kommt? Aber wer genauer hinsieht, erkennt darin auch eine stille Sozialphilosophie. Es geht nicht nur darum, weniger zu besitzen. Es geht darum, mehr zu teilen – und damit, ohne es auszusprechen, auch zwischenmenschlich mehr miteinander zu tun zu haben. Genau an dieser Stelle wird die Bibliothek der Dinge zu einer Schnittstelle, die auch in der Betreuung und Pflege durchaus von Interesse sein kann. 

Wenn aus dem Verleihregal eine Aufgabe wird 

Stellen wir uns einen Moment lang vor, eine solche Bibliothek bräuchte Menschen, die das Verleihregal sortieren, die erklären, wie man eine Nähmaschine einfädelt, die eine Strickrunde anleiten oder den Umgang mit der Heißklebepistole demonstrieren. Genau solche Aufgaben entstehen tatsächlich, denn die meisten dieser Bibliotheken leben vom Ehrenamt. Für ältere Menschen, die nach dem Berufsleben nicht selten ein Gefühl der Überflüssigkeit beschleicht, kann das eine Einladung sein, die mehr wiegt als jede Beschäftigungstherapie: gebraucht zu werden, weil man tatsächlich etwas weiß, das andere nicht wissen. Eine Rentnerin, die vierzig Jahre lang geschneidert hat, ist in solch einem Kontext keine Betreute, sondern eine Expertin. Genau dieser Unterschied ist in diesem Szenario von bedeutender Tragweite. 

Und damit sind wir auch schon mitten in der zweiten Idee, die diesen Bibliotheken zu eigen ist: die Generationen kommen sich näher, weil das Objekt sie zusammenbringt. Ein Werkzeugverleih lockt andere Menschen an als eine Spielzeugausleihe, aber beide ziehen ein Publikum an, das altersmäßig kaum unterschiedlicher sein könnte – die junge Familie, die einen Bollerwagen für ein halbes Jahr braucht, neben dem Rentner, der seinen alten Bohrer ersetzt sehen will. Aus solchen Begegnungen lassen sich, mit etwas Fantasie, Kooperationen stricken: Ein Senior, der einer Schulklasse das Stricken zeigt; eine Bibliothek, die einmal im Monat ihre Räume für eine offene Werkstunde mit einer Pflegeeinrichtung öffnet. Es sind die kleinen, unspektakulären Brücken, die im Alltag oft mehr bewirken als die großzügig beworbenen „Mehrgenerationenprojekte, weil sie aus einem echten, geteilten Interesse entstehen und nicht aus einer Förderrichtlinie. 

Teilhabe, die nicht am Portemonnaie scheitert 

Es gibt noch eine dritte, verhaltenere, Dimension: die Gerechtigkeit. Wer wenig Geld hat, verzichtet sehr oft. Oder leiht ohnehin schon viel – nur selten offiziell, sondern über das informelle Netz aus Nachbarn und Verwandten, das nicht jedem zur Verfügung steht. Eine Bibliothek der Dinge demokratisiert dieses Prinzip. Sie macht den Konzertbesuch mit der ausgeliehenen Festkleidung ebenso möglich wie das erste Erlebnis mit der eigenen Bohrmaschine, ohne dass beides am Konto scheitern muss. Für Menschen, die im Alter mit kleiner Rente auskommen müssen – und das sind in der Betreuung viele –, ist das kein Detail, sondern eine handfeste Frage der Würde. Teilhabe, das lehrt einen die Arbeit mit alten Menschen schnell, ist selten eine Frage des Willens. Sie ist eine Frage des Zugangs. 

Eine andere Art, an Aktivierung zu denken 

Was bedeutet das nun für die tägliche Arbeit in der Betreuung? Vielleicht vor allem dies: dass es sich lohnt, den Blick zu weiten, wenn nach Ideen für die nächste Aktivierungen für Kundinnen und Kunden gesucht wird. Statt des x-ten Bastelbogens aus dem Aktivierungskatalog ließe sich ein Ausflug zur örtlichen Bibliothek der Dinge organisieren – nicht zum Ausleihen allein, sondern zum Anschauen, Ausprobieren, Erinnern. Eine alte Nähmaschine weckt Geschichten, die kein Quiz hervorlocken könnte. Eine Visual Reality -Brille kann für einen gebrechlichen Menschen, der das eigene Zimmer kaum noch verlässt, für eine halbe Stunde ein Fenster in die Welt sein – an den Strand, in die Berge, an einen Ort der Jugend. Und wenn im eigenen Umfeld keine solche Bibliothek in der Nähe ist, kann sich von dem Prinzip trotzdem etwas „geborgt“ werden: Warum nicht selbst einen Schrank mit Gegenständen bestücken – ausgeliehen von Angehörigen, Kollegen, der Nachbarschaft. So eine Initiative kann schnell zum eigenen Herzensprojekt werden. 

Könnte die nächste Aktivierung also tatsächlich aus einer Bibliothek statt aus einem Sanitätshaus kommen? Es wäre keine schlechte Wendung. Denn während das Sanitätshaus an die Defizite erinnert, die das Alter mit sich bringt, erinnert die Bibliothek der Dinge an etwas anderes: an Hobbies, die man in der Vergangenheit mit großer Begeisterung ausgeführt hat, vielleicht auch daran, dass man schon immer mal das eine oder andere ausprobieren wollte, doch nie Zugang hatte. Und vor allem daran, dass man sich auch im Alter immer wieder neu erfinden kann. Und ganz gleich wie alt, immer noch etwas zu geben oder zu teilen hat. 

Hier finden Sie eine Liste von „Bibliotheken der Dinge“ in Deutschland: https://connect.oclc.org/bib-der-d inge

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