CarePro Serie „Über den Tellerrand“: Wie lebt es sich mit 80 in…? Heute: Bhutan, das Land, das das Glück erfand

von | Mai 28, 2026

Mit 80 Jahren in Bhutan: Zwischen Donnerdrachenkönig, buddhistischer Vergänglichkeit und dem unerwarteten Aufstieg der Zivilisationskrankheiten. 

Es gibt Länder, die man kennt, ohne je dort gewesen zu sein. Man kennt ihre Skylines, ihre Fastfood-Ketten, ihre Wachstumsraten. Und dann gibt es Bhutan. 

Bhutan ist ein Land, das so konsequent anders ist, dass es sich so anfühlt, als hätte jemand beim Erschaffen der Welt versehentlich eine Seite aus einem anderen Buch eingelegt. Eingeklemmt zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Nationen der Erde, China und Indien, hat dieses kleine Himalaya-Königreich mit seinen rund 786.000 Einwohnern beschlossen, die Welt nicht mit Wirtschaftsleistung zu beeindrucken, sondern mit einer Idee: dass Glück wichtiger ist als Wachstum. 

Wer hier 80 Jahre alt wird, hat ein Leben gelebt, das sich von dem eines Gleichaltrigen in Düsseldorf oder Denver so grundlegend unterscheidet, dass man sich fragt, ob der Begriff ‚alt werden‘ in beiden Fällen dasselbe meint. 

Ein König, ein Satz und eine Revolution der Messung 

Im Jahr 1972 sagte der vierte König Bhutans, Jigme Singye Wangchuck, einen Satz, der in jeder Volkswirtschaftsvorlesung eigentlich als Ketzerei gelten müsste: ‚Gross National Happiness ist more important than Gross Domestic Product”,  was in ungefähr so viel heißt wie „Bruttoinlandsglück ist wichtiger als das Bruttoinlandsprodukt.‘ 

Das war kein Witz. Das war Staatsdoktrin: Seitdem misst Bhutan seinen Fortschritt nicht an Wachstumszahlen, sondern an neun Dimensionen des Wohlbefindens: psychisches Wohlergehen, Gesundheit, Zeitverwendung, Bildung, kulturelle Vielfalt und Resilienz, gute Regierungsführung, Vitalität der Gemeinschaft, ökologische Vielfalt und Lebensstandard.  

Alle fünf Jahre ziehen „staatliche Erheber“ mit Fragebögen durch sämtliche 20 Distrikte des Landes und befragen 8.000 zunächst etwas verwirrte, dann nachdenklich werdende Haushalte. 

Für einen 80-jährigen Bhutaner ist dieses Konzept keine Abstraktion. Es ist wie Luft zum Atmen – es ist, wie man aufgewachsen ist. Spiritualität und Gemeinsinn sind keine Projektionsflächen für Lifestyle-Coaches, sondern Bestandteile des Alltags, so selbstverständlich wie Essen. Der Buddhismus, genauer: der Vajrayana-Buddhismus tibetischer Prägung, durchdringt in Bhutan alles. Er gibt dem Leben Struktur, dem Tod seinen Platz und dem Alter seine Würde. Ein alter Mensch ist in dieser Weltanschauung keine Last, die das System zu tragen hat, sondern jemand, der sich einer spirituellen Reife nähert. Das Alter selbst gilt als Vorbereitung. Auf was genau, darüber schweigen die Mönche in der Regel höflich. 

Die Großfamilie als Pflegesystem (und seine Risse) 

Traditionell brauchte Bhutan keine Altenheime. Die Großfamilie war das Altenheim, die Dorfgemeinschaft der Pflegedienst, das Kloster die Spezialklinik für die Seele. Ältere Menschen galten als Säulen der Weisheit, als lebendige Archive einer Gemeinschaft. Diese Struktur existiert noch. Aber sie bekommt Risse. 

Der Chronist dieser Entwicklung ist die Statistik: Immer mehr junge Bhutaner verlassen die Bergtäler und ziehen in die boomende Hauptstadt Thimphu oder ins Ausland. Die emotionalen Bande zwischen den Generationen schwächen sich ab. Was früher selbstverständliche Fürsorge war, wird zur logistischen Herausforderung – und gelegentlich zur Bürde, die niemand gerne ausspricht. Prognosen des National Statistics Bureau Bhutans sprechen eine deutliche Sprache: Die Zahl der Über-60-Jährigen soll von rund 43.000 im Jahr 2017 auf fast 119.000 im Jahr 2047 steigen – eine Verdreifachung innerhalb von drei Jahrzehnten. Bis 2027 soll Bhutan offiziell zur ‚alternden Gesellschaft‘ werden. 

Die Regierung reagiert zögerlich aber spürbar: Es gibt die National Senior Citizens Policy, eine Royal Kidu Welfare-Unterstützung für bedürftige Ältere und zuletzt, im Haushalt 2025, ein Investitionsprogramm von umgerechnet rund 13 Millionen Euro speziell für den Altersbereich. Stationäre Pflegeheime? Der Premierminister hat sich klar geäußert: Die Regierung plant keine. Lieber soll die Kultur der familialen Pflege gestärkt werden. Die Frage, ob eine Kultur zu stärken ist, die sich gerade wandelt, ließ er offen. 

Seine Heiligkeit, den Je Khenpo – oberster religiöser Führer des Landes – ließ das nicht kalt: Er gründete 2014 eine eigene Initiative für pensionierte Mönche. 26 alte Mönche leben dort betreut. Es ist das größte formale Altenpflegeprojekt des Landes. Man beachte: Das einzige nennenswerte Altenheim Bhutans wurde von einem Mönch für Mönche eröffnet. Der Rest des Landes zieht es vor, die Frage noch eine Weile offen zu lassen. 

 Zivilisationskrankheiten: Ungebetenes Gastgeschenk der Moderne 

Hier wird es ein wenig ungemütlich. Denn Bhutan, das Land des Bruttoinlandsglücks, hat ein Problem, das man nicht erwartet hätte: Es ist auf dem besten Weg, einen westlichen Krankheitskatalog zu importieren – allerdings ohne sich die westliche Infrastruktur zur Behandlung desselben leisten zu können. Noch in den 1960er Jahren lag die Lebenserwartung in Bhutan bei erschreckenden 32 Jahren. Heute beträgt sie knapp 73 Jahre – ein medizinischer Quantensprung innerhalb einer einzigen Generationerkauft durch verbesserte Grundversorgung, Impfprogramme und Hygiene. Der Preis dieses Fortschritts? Genau jene Zivilisationskrankheiten, die in längst entwickelten Ländern schon seit Jahrzehnten die Krankenhäuser füllen. 

Die aktuellen Zahlen zeigen: Bhutan liegt bei Diabetes und Übergewicht noch unter europäischem Niveau – aber der Trend ist unmissverständlich steilAlkohol ist ein wachsendes Problem: Der problematische Konsum stieg von 3 auf 8 Prozent. (Quelle: Bhutan STEPS Survey 2014, Frontiers in Public Health 2023, WHO) 

Was bedeutet das für einen 80-jährigen Bhutaner heute? 

Er hat die gesellschaftlichen Wandel auf Zeitraffer erlebt. In seiner Jugend starben die Menschen an Infektionskrankheiten. In seinem jetzigen Alter sterben sie an Herzinfarkt und Krebs. Kardiovaskuläre Erkrankungen sind heute mit 26 Prozent die häufigste Todesursache, knapp gefolgt von Krebs. Für die Behandlung beider braucht man Spezialisten, Geräte und Medikamente, die auf den Dorfgesundheitsposten der Außenbezirke nicht vorhanden sind. 91 Prozent aller Fachmediziner Bhutans praktizieren im Umkreis von Thimphu. Wer auf einem Bergdorf lebt und einen Schlaganfall erleidet, ist auf ein System angewiesen, das – bei allem guten Willen – noch nicht für dieses Szenario ausgerüstet ist. 

Und Alzheimer / Demenz? Die Zahlen sind klein, aber wachsend — und massiv untererfasst 

Nach den aktuellen WHO-Daten starben in Bhutan zuletzt rund 105 Menschen pro Jahr an Alzheimer und Demenz, was 2,55 % aller Todesfälle entspricht. Die altersstandardisierte Sterberate liegt bei 16,73 pro 100.000 Einwohner — Rang 112 weltweit.  Das klingt wenig. Der eigentliche Befund ist jedoch dieser: Bhutan verzeichnet zwischen 1990 und 2021 den höchsten prozentualen Anstieg an Demenzfällen unter allen südostasiatischen Ländern — ein Plus von 218,81 Prozent 

Die Versorgungslage: Fast nicht vorhanden 

Der leitende Psychiater des Nationalspitals bestätigt: Mit steigender Lebenserwartung sieht seine Abteilung seit einigen Jahren deutlich mehr Demenzfälle — aber eine formale Versorgungsstruktur gibt es nicht. Es existiert keine nationale Erhebung zu Demenz auf Gemeindeebene, ohnehin wurden Daten zu Demenz erst seit 2016 erfasst. Es gibt keine standardisierten, kulturell angepassten Diagnoseinstrumente. Und es gibt keine formalen Strukturen für Betreuung, Behandlung oder Unterstützung pflegender Angehöriger. Demenz wird in Bhutan derzeit von Familien aufgefangen — vollständig, ohne professionelle Begleitung, und oft ohne zu wissen, womit sie es zu tun haben. 

Was bleibt: Vergänglichkeit als Weltanschauung 

Es wäre unfair, Bhutan nur durch die Linse seiner Lücken zu betrachten. Denn es gibt etwas, das dieses Land tatsächlich besser macht als fast alle anderen – und das ist keine Kleinigkeit: In Bhutan stirbt man nicht allein. 

Der Buddhismus lehrt die Unbeständigkeit aller Dinge und damit auch die Unbeständigkeit des Körpers, der Gesundheit, des Lebens. Der Tod ist kein Betriebsunfall, den das Gesundheitssystem hätte verhindern müssen, sondern ein Teil des Weges. Ältere Menschen werden begleitet, nicht ‚versorgt‘. Ihre Gegenwart in der Familie ist keine Pflicht, sondern eine Selbstverständlichkeit, die sich aus einer Weltanschauung ergibt, die das Wohlergehen der Gemeinschaft über das Individuum stellt. 

Für die Pflege- und Betreuungsberufe lohnt sich der Blick nach Bhutan, weil es ein Land ist, das nicht fragt, wie man Alter verwaltet, sondern wie man ihm Sinn gibt. Die Antwort darauf ist nicht in jeder Hinsicht übertragbar. Aber die Frage selbst ist es. 

QuellenBhutan STEPS Surveys 2007, 2014, 2019 (Frontiers in Public Health, 2023); National Statistics Bureau Bhutan; GNH Centre Bhutan / OPHI Oxford; Asia News Network (2025); Bhutan Today (2025); NPR Parallels (2018); WHO South-East Asia Region; Macrotrends Life Expectancy Date, Borgen Project. 

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