CarePro Serie „Über den Tellerrand…“ – Wie lebt es sich mit 80 in…? Heute: Iran

von | Juli 30, 2026

Vom Altern zwischen Revolutionsplakaten und Familienpflicht

Es gibt einen Moment, in dem ein Land aufhört, jung zu sein, ohne dass es jemand bemerkt hat. Der Iran erlebt diesen Moment gerade, mit einer Geschwindigkeit, die Demografen nervös macht: Während Europa dafür Jahrzehnte brauchte, vollzieht sich der Übergang in der Islamischen Republik in einem Bruchteil der Zeit. Noch in den achtziger Jahren rief der Staat, mitten im Krieg gegen den Irak, zu Kinderreichtum auf, Nach dem Sturz des Schahs priesen die Ayatollahs große Familien als Bollwerk der Revolution. Nun, zwei Generationen später, sitzen genau jene Kinder der Kriegsjahre hochbetagt in Wohnungen, in einer Gesellschaft, die für sie so wenig vorbereitet ist wie ein Haus ohne Treppe.

Acht Prozent der Iranerinnen und Iraner sind heute über fünfundsechzig, in Deutschland sind es derzeit rund 23% – die Zahl täuscht jedoch, denn Prognosen erwarten bis zur Jahrhundertmitte mehr als eine Verdopplung. Der Staat, der einst so eifrig für Nachwuchs warb, steht diesem Tempo weitgehend konzeptlos gegenüber: Die Rentenkassen gelten als de facto bankrott, das ohnehin von Sanktionen und Inflation zermürbte Gesundheitssystem steht Beobachtern zufolge kurz vor dem Kollaps. Mehr als ein Viertel der älteren Menschen hat weder eigene Rente noch Krankenversicherung, ein Fünftel lebt unterhalb der Armutsgrenze. Wer in diesem Land alt wird, wird es selten mit einem Sicherheitsnetz.

Zwei Leben, ein Zimmer, zwei Arten des Verschwindens

Um zu verstehen, was das konkret bedeutet, hilft es, zwei Menschen zu erfinden, die es so oder so ähnlich zu Tausenden gibt. Nennen wir sie Ali Reza und Malak, beide achtzig, beide seit einigen Jahren von einer Demenz gezeichnet, die ihre Familien zunächst als Alterstrotteligkeit abgetan haben, weil man dafür in vielen iranischen Haushalten schlicht kein Wort und noch weniger eine Diagnose parat hatte.

Ali Reza war Ingenieur in Isfahan, hat drei Söhne großgezogen, von denen zwei im Ausland leben, wie so viele der gut ausgebildeten iranischen Mittelschicht. Geblieben ist der jüngste Sohn – und vor allem dessen Frau, Ali Rezas Schwiegertochter, die sich, wie es in iranischen Großfamilien stillschweigend erwartet wird, um den kranken Schwiegervater kümmert. Obwohl seine Erinnerung ihn im Stich lässt, hat Ali Reza seinen Status im Haus nicht verloren: Man fragt ihn respektvoll nach seiner Meinung, auch wenn die Antworten keinen Zusammenhang mehr ergeben. Das patriarchale Gerüst der Familie trägt ihn noch, wenn sein eigenes Gedächtnis es längst nicht mehr tut.

Malak dagegen ist seit sieben Jahren Witwe. Ihr Mann, ein Basar-Händler, hatte für sie keine eigene Rente vorgesehen – iranische Frauen ihrer Generation waren selten formell erwerbstätig, ihr Alterseinkommen hing am Einkommen des Mannes und versiegte mit seinem Tod fast vollständig. Malak lebt heute abwechselnd bei ihren beiden Töchtern, ein informelles Rotationssystem, das selten für alle gutgeht. Als bei ihr die ersten Aussetzer auftraten, war es, anders als bei Ali Reza, keine Selbstverständlichkeit, dass sich jemand kümmerte, sondern eine Verhandlung: Welche Tochter hat mehr Platz, welcher Schwiegersohn duldet die schwierige Schwiegermutter im Haus. Studien zur Pflegebelastung im Iran bestätigen dieses Muster: Ist die erkrankte Person weiblich und verwitwet, steigt die Belastung der Angehörigen deutlich, die Fürsorge wird prekärer und informeller als bei einem noch verheirateten, respektierten Patriarchen. Man könnte sagen: Ali Reza vergisst die Welt, aber die Welt vergisst ihn nicht. Bei Malak verhält es sich häufig umgekehrt.

Auffällig ist zudem, wer die eigentliche Arbeit übernimmt. International wie im Iran sind sechzig bis siebzig Prozent aller pflegenden Angehörigen von Demenzkranken Frauen, Ehefrauen, Töchter, Schwiegertöchter, und sie tragen nachweislich eine höhere psychische Last als männliche Pflegende. Im Iran, wo die Sorge um die Alten traditionell als natürliche Aufgabe der Frauen gilt, verschärft sich dieses Muster noch.

Heime, die niemand will, und ein Markt, den sich niemand leisten kann

Formal existiert im Iran ein staatliches System der Altenpflege. Landesweit leben schätzungsweise hundertfünfzigtausend Menschen in staatlichen Seniorenheimen – gemessen an der Landesgröße eine verschwindend geringe Zahl, die sich nicht allein aus mangelndem Bedarf erklärt. Ein Elternteil ins Heim zu geben, gilt in weiten Teilen der Gesellschaft noch als Schande, als Bruch eines nahezu heiligen Versprechens; gleichzeitig gelten die staatlichen Häuser selbst als notdürftig und unterfinanziert. Wer es sich leisten kann, engagiert stattdessen private Pflegekräfte, ein Markt, der in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen ist, befeuert durch genau jene Berufstätigkeit erwachsener Kinder. Bezahlbar ist dieser private Weg jedoch für die wenigsten: Die Inflation macht aus einer häuslichen Pflegekraft einen Luxus, den sich vor allem die urbane Oberschicht noch leisten kann. Für den Rest des Landes bleibt die Familie die einzige tragfähige Institution.

Eine spezialisierte Demenzversorgung, wie sie deutsche Betreuungskräfte unter §§ 45a und 45b SGB XI oder auch 53b SGB XI selbstverständlich leisten, existiert im Iran praktisch nicht flächendeckend. Selbst die medizinische Grundversorgung hinkt hinterher: Ärztinnen und Ärzte sind kaum geschult im Umgang mit den komplexen Mehrfacherkrankungen alter Menschen. Diagnosen wie Demenz werden entsprechend spät gestellt, wenn überhaupt – man spricht eher von Vergesslichkeit im Alter als von einer Krankheit mit eigenem Namen und eigenem Versorgungsanspruch.

Was bleibt, ist ein eigentümlicher Widerspruch: Ein Staat, der außenpolitisch von strategischer Weitsicht spricht, hat für die eigene, rasant alternde Bevölkerung offenbar keinen Plan, der über Appelle an die Kinderzahl hinausreicht. Städte ohne abgesenkte Bordsteine, ohne Ruhebänke, werden für Ali Reza und Malak zu Räumen, die man am besten gar nicht mehr betritt. Eine Teheraner Psychologin bringt es auf den Punkt: Viele alte Menschen im Iran hätten das Gefühl, von Staat und Gesellschaft schlicht vergessen worden zu sein. Früher, so ein Teheraner Psychologe, habe man die Alten wegen ihrer Lebenserfahrung respektiert, heute würden sie deutlich an den Rand der Gesellschaft geschoben. Dieser Wertewandel trifft Ali Reza und Malak nicht gleich: Ihn trägt noch das alte patriarchale Gerüst der Familie, sie fällt eher durch die Maschen eines Systems, dass für Frauen ökonomisch nie vorgesehen hatte, unabhängig von einem Mann zu altern.

Am Ende bleibt die Familie das, was in Deutschland ein ganzes Sozialversicherungssystem samt geschulter Betreuungskräfte leistet: der einzige verlässliche Ort. Aus der Nähe betrachtet ist das vor allem eines – eine enorme, unbezahlte, meist weibliche Last, getragen von Schwiegertöchtern und Töchtern, die für Ali Reza und Malak jenes Netz improvisieren müssen, das der Staat ihnen schuldig bleibt. Man könnte, mit einem Anflug bitterer Ironie, sagen: Der Iran erinnert sich an fast alles: an seine Geschichte, seine Dichtung, seine Kränkungen. Nur an seine eigenen Alten, an die, die dabei sind, sich selbst zu vergessen, erinnert er sich nicht recht.

*Quellen (Auswahl): Iran Journal – „Kein gutes Land zum Altern“ und „Die iranische Gesellschaft im Alterungsprozess“; jungle.world, Gastbeitrag Farzad Amini, „Der Iran überaltert“; Statista, Altersstruktur Iran bis 2050; nd-aktuell.de zur Armutsentwicklung im Iran; Studien zur Caregiver Burden bei Demenz im Iran (u. a. Pubmed, ResearchGate, Aging & Mental Health); Alzheimer’s Disease International zu geschlechtsspezifischer Pflegebelastung.*

 

Das könnte Sie auch interessieren: