Wie lebt es sich mit 80 in Dänemark?
Von Frau Jensen, einem roten Fahrrad und der Kunst, auch mit Demenz ein eigenes Leben zu behalten
Wenn Ingrid Jensen morgens aufsteht, weiß sie nicht immer, welcher Wochentag ist. Dass Dienstag ist, erfährt sie von der kleinen elektronischen Uhr in ihrer Küche. Dort steht nicht nur 8:14 Uhr, sondern auch: Dienstag, Morgen. Ingrid lebt in einer kleinen Wohnung in Aarhus. Sie ist 80, verwitwet, hat zwei erwachsene Kinder und seit zwei Jahren die Diagnose Alzheimer-Demenz. Auf ihrem Balkon stehen Geranien, im Keller ein rotes Fahrrad, was ihre Tochter inzwischen für eine ausgesprochen schlechte Idee hält. Ingrid dagegen findet, dass das Fahrrad überhaupt kein Problem sei. Sie sei schließlich dement und nicht tot.
Damit wären wir bei der eigentlichen Frage: Wie lebt es sich mit 80 in Dänemark? Und was geschieht in einem Land, das Alter nicht zuerst als Pflegeproblem betrachtet, sondern als Teil eines möglichst selbstbestimmten Lebens?
Ein kleines Land mit ziemlich vielen alten Leuten
Mehr als jeder fünfte Einwohner Dänemarks ist inzwischen 65 Jahre oder älter, die Lebenserwartung liegt bei über 81 Jahren. Die Dänen werden also nicht nur älter. Sie bleiben – aufgrund der steigenden Lebenserwartung – auch länger alt. Deshalb ist die Frage, wie Menschen wohnen, Unterstützung erhalten und schließlich gepflegt werden, in Dänemark seit Langem eine politische Frage. Der entscheidende Begriff lautet: Wohlfahrtsstaat: Dänemark gehört zum skandinavischen Modell einer weitgehend steuerfinanzierten sozialen Sicherung. Gerade im Alter wird das sichtbar. Die Versorgung älterer Menschen ist überwiegend Aufgabe der Kommunen. Sie organisieren unter anderem häusliche Hilfe, persönliche Pflege, Rehabilitation und Pflegeeinrichtungen. Darin steckt ein kultureller Unterschied, der leicht übersehen wird:
Die Tochter soll Tochter bleiben. Nicht automatisch Pflegekraft werden. Natürlich helfen auch dänische Familien. Sie fahren mit zum Arzt, kaufen ein, machen sich Sorgen und fragen ihre Mutter, ob sie wirklich noch Fahrrad fahren müsse. Aber die Altenversorgung baut nicht auf der Voraussetzung auf, dass irgendwo schon eine Tochter vorhanden sein wird, die das erledigt. Ein bemerkenswerter Gedanke. Vor allem für Töchter.
Möglichst lange zu Hause
Ingrid lebt noch in ihrer eigenen Wohnung. Das ist kein Zufall. Die dänische Altenpolitik verfolgt seit Jahrzehnten das Prinzip, ältere Menschen möglichst lange in ihrer vertrauten Umgebung leben zu lassen. Wer Unterstützung braucht, kann kommunale häusliche Pflege erhalten. Welche Hilfe notwendig ist, wird individuell festgestellt.
Bei Ingrid kommt morgens eine Mitarbeiterin vorbei. Sie schaut nach den Medikamenten, hilft dort, wo es schwierig wird, und beobachtet Veränderungen. Aber sie übernimmt nicht einfach alles. Denn ein wichtiges Prinzip der dänischen Altenhilfe heißt Reablement, ungefähr: rehabilitierende Unterstützung. Die Frage lautet nicht nur: Was können wir für Ingrid tun? Sondern: Was kann Ingrid selbst noch tun, wenn wir sie dabei unterstützen? Wer noch Kaffee kochen kann, soll Kaffee kochen. Wer sich mit etwas Unterstützung anziehen kann, soll sich anziehen. Hilfe soll Fähigkeiten nicht unnötig ersetzen, sondern erhalten. Ingrid braucht inzwischen ziemlich lange, bis ihre Bluse zugeknöpft ist. Man könnte ihr das in zwanzig Sekunden abnehmen. Aber Geschwindigkeit ist mit achtzig kein Menschenrecht. Selbstständigkeit schon eher.
Und dann kam die Demenz
Rund 100.000 Menschen in Dänemark leben Schätzungen zufolge mit einer Demenzerkrankung. Ihre Zahl wird mit der alternden Bevölkerung weiter steigen. 2017 trat deshalb ein nationaler Demenz-Aktionsplan in Kraft. Sein Ziel: Dänemark sollte ein demenzfreundliches Land werden. Das bedeutet mehr als zusätzliche Pflegeplätze. Menschen mit Demenz sollen möglichst lange Teil des gesellschaftlichen Lebens bleiben. Kommunen stellen Beratung und Unterstützung bereit, Diagnostik und Versorgung sollen verbessert, Angehörige entlastet und Fachkräfte qualifiziert werden. Denn eine Demenz verändert das Gedächtnis. Sie kündigt aber nicht die Bürgerrechte.
Für Ingrid heißt das: Ihre Versorgung wird nicht erst dann zum Thema, wenn sie nachts im Schlafanzug auf einer Kreuzung steht. Schon früher wird geschaut: Was braucht sie? Was kann sie noch? Was macht ihr Angst? Was überfordert sie und ihre Familie? Denn Demenz besteht aus hundert kleinen Verschiebungen des Alltags. Der Herd wird plötzlich gefährlich. Die Bushaltestelle sieht fremd aus. Eine Rechnung wird zweimal bezahlt. Die Nachbarin, die seit zwölf Jahren nebenan wohnt, bekommt einen anderen Namen.
Eine Wohnung darf beim Denken helfen
Dänemark setzt deshalb auch auf demenzfreundliche Wohnformen: kleinere Wohneinheiten, übersichtliche Architektur, erkennbare Türen, gute Beleuchtung, vertraute Gegenstände und geschützte Außenbereiche. Das klingt nach Innenarchitektur. Ist aber Pflege.
Auch Technik kann helfen. Digitale Kalender, Erinnerungsfunktionen, Sensoren oder GPS-Lösungen sollen Sicherheit ermöglichen, ohne Bewegungsfreiheit unnötig einzuschränken. Damit entsteht allerdings eine schwierige Frage: Wie viel Überwachung darf nötig sein, damit ein Mensch frei bleiben kann?
Wenn Ingrid allein spazieren gehen möchte, ihre Tochter aber fürchtet, dass sie den Heimweg nicht findet, kann ein GPS-Gerät Freiheit ermöglichen. Es bedeutet zugleich, dass Ingrid jederzeit auffindbar ist. Gute Demenzversorgung bewegt sich deshalb ständig zwischen zwei Werten: Schutz und Selbstbestimmung.
Wenn zu Hause nicht mehr zu Hause funktioniert
Irgendwann könnte auch Ingrid umziehen. In Dänemark gibt es kommunale Pflegewohnungen und spezialisierte Angebote für Menschen mit Demenz. Einrichtungen sollen dabei möglichst wenig nach Institution und stärker nach Zuhause aussehen. Dazu gehört auch das ursprünglich aus den Niederlanden bekannte Konzept der Demenzdörfer, das inzwischen in Dänemark aufgegriffen wurde. Kleine Wohnbereiche, Gärten und geschützte Wege ermöglichen Bewohnern, sich relativ frei zu bewegen. Die Idee dahinter ist einfach: Menschen mit Demenz sollen nicht in einer Umgebung leben, die ihnen täglich signalisiert, dass sie Patienten sind.
Das Paradies hat Personalmangel
Nun wäre es angenehm, Dänemark zum europäischen Altersparadies zu erklären. Leider benehmen sich Wirklichkeiten selten so ordentlich.
Auch das dänische System steht unter Druck. Immer mehr ältere Menschen treffen auf einen Arbeitsmarkt, auf dem Pflegekräfte nicht unbegrenzt verfügbar sind. Kommunen müssen Kosten bewältigen, Fachkräfte gewinnen und gleichzeitig hohe Ansprüche an eine individuelle Versorgung erfüllen. Die Stärke des dänischen Modells liegt deshalb weniger darin, für alles eine Lösung zu besitzen. Sondern darin, Alter als gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe zu begreifen.
Wer bezahlt das?
Viele kommunale Leistungen der persönlichen und praktischen Hilfe werden aus Steuermitteln finanziert. Das unterscheidet das dänische System deutlich vom deutschen Modell der Pflegeversicherung mit Pflegegraden und festgelegten Leistungsbudgets. Der Grundgedanke ist ein anderer: Pflegebedürftigkeit soll nicht zuerst davon abhängen, wie viel Hilfe eine Familie selbst organisieren kann. Der Staat verspricht keinen Luxus. Aber Struktur. Und manchmal ist Struktur eine unterschätzte Form der Menschlichkeit.
Ein Mittwoch, vielleicht auch Donnerstag
Am Nachmittag möchte Ingrid hinaus. Ihre Tochter ist zu Besuch. „Du kannst doch morgen gehen“, sagt sie. „Warum?“ „Weil es gleich regnet.“
Ingrid blickt aus dem Fenster. Dänemark blickt zurück. Grau. Wind. Regen. Eigentlich vollkommen normales Wetter.
Ingrid zieht ihre Jacke an. Vielleicht weiß sie nicht mehr genau, welcher Tag heute ist. Vielleicht wird sie irgendwann nicht mehr allein in dieser Wohnung leben. Vielleicht wird eines Tages jemand ihr rotes Fahrrad aus dem Keller holen und feststellen, dass die Reifen längst keine Luft mehr haben. Aber heute geht sie hinaus.
Das ist vielleicht das Interessanteste an der dänischen Idee vom Alter: Der alte Mensch soll möglichst lange Bürger bleiben, bevor er zum Pflegefall wird. Er soll entscheiden dürfen, solange Entscheidungen möglich sind. Sich bewegen, solange Bewegung möglich ist. Zu Hause leben, solange dieses Zuhause trägt. Und wenn irgendwann mehr Hilfe notwendig wird, sollte sich möglichst nicht das ganze Leben nach der Pflege richten.
Sondern die Pflege nach dem Leben.





