Wenn die Hippies ins Pflegeheim kommen – von Woodstock zum Wohnbereich 3
Irgendwann wird es passieren: Im Aufenthaltsraum eines deutschen Pflegeheims sitzt eine Gruppe Hochbetagter. Eine Betreuungskraft betritt den Raum, lächelt freundlich und verkündet: „So, meine Lieben, heute singen wir gemeinsam!“ Dann verteilt sie Liedblätter. Hoch auf dem gelben Wagen. Es entsteht Stille. Aus der hinteren Reihe meldet sich ein Mann mit weißem Pferdeschwanz, Led-Zeppelin-Shirt und Rollator: „Haben Sie auch Jethro Tull?“
Willkommen in der Altenpflege der Zukunft.
Denn die Menschen, die in den kommenden Jahrzehnten pflegebedürftig werden, haben eine andere Biografie als viele Generationen vor ihnen. Und das dürfte die Altenpflege stärker verändern als ein neuer Speiseplan oder ein Tablet für den Aufenthaltsraum.
Die demografische Welle rollt heran
Zunächst die Zahlen, denn die sind weniger lustig: Die geburtenstarken Jahrgänge erreichen das Rentenalter. Der größte deutsche Babyboomer-Jahrgang, 1964, ist inzwischen über 60 Jahre alt. 2023 gab es in Deutschland rund 5,7 Millionen pflegebedürftige Menschen. Für 2035 werden etwa 6,3 Millionen, für 2055 rund 7,6 Millionen erwartet.
Natürlich werden die Babyboomer nicht morgen geschlossen mit Jutebeutel und Patientenverfügung an der Pforte des nächstgelegenen Pflegeheims erscheinen. Aber mit dieser Generation altert nicht einfach nur eine große Zahl von Menschen. Es altert ein Stück Kulturgeschichte.
Dabei sind Babyboomer, Hippies und 68er keineswegs dasselbe. Viele deutsche Babyboomer waren Kinder, als Rudi Dutschke demonstrierte und Jimi Hendrix in Woodstock spielte. Trotzdem wuchsen sie in einer Gesellschaft auf, in der sich Vorstellungen von Sexualität, Kleidung, Autorität und gesellschaftlichen Konventionen grundlegend veränderten. Lange Haare wurden zum Statement, Jeans zum Gegenentwurf bürgerlicher Förmlichkeit, traditionelle Sexualmoral verlor an Macht. Die Bundesrepublik wurde lockerer.
Und nun treffen diese Biografien auf eine Institution, die zwangsläufig von Regeln lebt: Frühstück von 7.30 bis 9 Uhr. Mittagessen um 12. Kaffee um 15 Uhr. Nachtruhe. Dazwischen Beschäftigung. Das könnte interessant werden.
„Ich möchte heute nicht basteln.“
Untersuchungen des Deutschen Zentrums für Altersfragen zeigen bei den Babyboomern eine größere Vielfalt von Familien- und Erwerbsbiografien als bei älteren Generationen. Damit verändert sich auch die Frage, was ein Pflegeheim eigentlich leisten soll. Das klassische Modell organisiert das Leben vieler Menschen möglichst verlässlich: Essen, Pflege, Medikamente, Reinigung, Sicherheit, Beschäftigung. Das Problem beginnt dort, wo Organisation und Individualität miteinander kollidieren. Ein Mensch, der sein Leben lang selbst entschieden hat, wann er aufsteht, was er isst, wen er liebt und ob er seine Sonntage mit Kirchenglocken, Janis Joplin oder Motorradfahren verbringt, gibt diese Biografie schließlich nicht an der Rezeption ab. Er wird pflegebedürftig. Nicht geschmacksbedürftig.
Studien zu den Präferenzen älterer Menschen zeigen entsprechend, wie wichtig Selbstständigkeit, persönliche Lebensumstände und die Möglichkeit sind, möglichst lange im eigenen Zuhause zu bleiben. Vielleicht lautet die Herausforderung deshalb nicht: Wie bringen wir die Babyboomer im Pflegeheim unter? Sondern: Wie viel Pflegeheim verträgt ein Babyboomer?
Frau Schmidt möchte keinen Kamillentee
Nehmen wir Frau Schmidt. Sie ist 84, hat Pflegegrad 3, arbeitete früher in einer Werbeagentur, war dreimal verheiratet, demonstrierte gegen den Vietnamkrieg, eröffnete später einen Bioladen und findet Helene Fischer „musikalisch schwierig“.
Das Pflegeheim bietet am Donnerstag „Erinnerungen an die gute alte Zeit“ an.
Frau Schmidt sagt, ihre gute alte Zeit habe aus Zigaretten, Leonard Cohen und einem Mann namens Rainer bestanden, über den sie nicht weiter sprechen möchte.
Biografieorientierte Betreuung kann also nicht bedeuten, lediglich die Requisiten auszutauschen. Aus Volkslied wird Beatles, aus Häkeldeckchen wird Lavalampenschirm, fertig ist die moderne Altenpflege. Denn auch die Babyboomer sind keine homogene Gruppe. Der ehemalige Gewerkschafter hat andere Wünsche als die frühere Bankdirektorin, der Punk andere als der Schlagerfan. Und irgendwann wird möglicherweise ein Bewohner erklären, dass er mit 74 noch auf Wacken war.
Dann wäre es ungünstig, ihm zur Aktivierung ausschließlich „Kein schöner Land“ anzubieten.
Sex, Drugs & Rollator
Noch interessanter wird es dort, wo Altenpflege traditionell gern etwas verschämt wird: bei Sexualität und Intimität. Die Generationen, die jetzt altern, haben gesellschaftliche Liberalisierungen erlebt: Pille und sexuelle Revolution, die Entkriminalisierung homosexueller Beziehungen, neue Partnerschaftsmodelle und eine zunehmend offenere Auseinandersetzung mit Sexualität. Und Sexualität verschwindet nicht automatisch, sobald jemand Kompressionsstrümpfe trägt.
Die „Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen“ betont ausdrücklich das Recht auf Privatheit und Wahrung der Intimsphäre. Das Pflegeheim der Zukunft wird deshalb über Dinge reden müssen, über die das Pflegeheim der Vergangenheit lieber schwieg: Partnerschaften, Sexualität, sexuelle Identität, neue Liebe und Privatsphäre. Und vielleicht auch darüber, dass Herr Müller und Frau Wagner die Zimmertür abgeschlossen haben und momentan wirklich keinen Ergotherapieball benötigen.
Der Aufstand gegen den Speiseplan
Aber wahrscheinlich beginnt die Revolution viel früher. Nämlich beim Essen.
Wer mit italienischen Restaurants, türkischen Gemüseläden, Vollkornbewegung, Tofu, Sushi, Bio-Siegeln und Fairtrade-Kaffee groß geworden ist, könnte dem traditionellen Abendbrotmodell skeptisch gegenüberstehen. Graubrot. Käse. Kochschinken. Gurkenscheibe. Eine Mahlzeit, die kulinarisch ungefähr dieselbe Risikobereitschaft besitzt wie eine Hausratversicherung. Künftige Pflegeheimbewohner werden unterschiedliche Ernährungsstile, kulturelle Gewohnheiten und individuelle Vorlieben mitbringen. Personenzentrierte Pflege beginnt deshalb manchmal nicht bei großen Konzeptpapieren, sondern bei der schlichten Frage: „Was möchten Sie essen?“ Und bei der Bereitschaft, die Antwort tatsächlich hören zu wollen.
Das Heim wird sich verändern müssen
Allerdings sollten wir uns vor einer romantischen Vorstellung hüten. Die Babyboomer werden nicht als wohlhabende Horde selbstbewusster Best Ager in Designer-Pflegewohnungen einziehen und dort bei Chardonnay über die Rolling Stones diskutieren. Alter ist sozial ungleich. Schon allein der sogenannte “Renten-Gap” (Frauen erhalten im Schnitt wesentlich weniger Rente als Männer) spricht in Sachen “Gerechtigkeit” für sich.
Nicht jeder besitzt Wohneigentum, private Vorsorge oder Angehörige, die einspringen können. Und auch der Wunsch, möglichst lange zu Hause zu bleiben, stößt auf eine sehr praktische Grenze: Nur ein kleiner Teil der älteren Menschen lebt heute in weitgehend barrierefreien Wohnungen. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Personal.
Mehr Individualität braucht Zeit. Wer morgens zwischen verschiedenen Aufstehzeiten, Frühstückswünschen und Duschgewohnheiten vermitteln soll, benötigt nicht nur Haltung, sondern Ressourcen. Personenzentrierte Pflege bedeutet deshalb nicht: „Das Personal gibt sich ein bisschen mehr Mühe.“ Sie ist eine Organisationsfrage. Und eine gesellschaftliche.
Vielleicht sind die „Hippies“ sogar eine Chance
Möglicherweise liegt genau darin etwas Hoffnungsvolles. Die Generation, die gesellschaftliche Institutionen schon einmal verändert hat, könnte es noch einmal tun.
Nicht unbedingt mit Transparenten und Blumenkränzen. Vielleicht mit Beschwerden. Mit Heimbeiräten. Mit der Frage, weshalb Frühstück um Punkt acht stattfinden muss. Mit dem Wunsch nach WLAN, Rückzugsmöglichkeiten, gutem Kaffee und einer Musikanlage, die mehr kennt als die „20 schönsten Melodien zum Mitschunkeln“. Und mit der hartnäckigen Weigerung, sich allein deshalb in eine gesellschaftliche Vorstellung von „alt“ einzufügen, weil der eigene Körper Unterstützung braucht.
Denn wir sprechen gern von „den Alten“, als verwandle sich der Mensch irgendwann in eine eigene Spezies. Als gäbe es einen geheimen Übergang, vermutlich irgendwo zwischen Hüft-OP und Rollator, nach dem man plötzlich Volkslieder liebt, um 17.30 Uhr Abendbrot möchte und große Freude daran entwickelt, gemeinsam Filzblumen herzustellen.
Aber Menschen werden nicht zu „Alten“. Sie werden älter. Mit ihrer Musik. Ihren politischen Überzeugungen. Ihren gescheiterten Ehen. Ihren Lieblingsgerichten. Ihren Tätowierungen. Ihren schlechten Angewohnheiten. Ihren großen Lieben. Ihren Peinlichkeiten. Und ihren Erinnerungen an Nächte, von denen die Enkel besser nichts erfahren.
Und sollte eines Tages tatsächlich ein 87-jähriger Herr mit grauem Pferdeschwanz in der Cafeteria verlangen, dass statt des geplanten Sitztanzes endlich einmal Jimi Hendrix aufgelegt wird, wäre das kein betreuerisches Problem. Es wäre Biografiearbeit.
Nur etwas lauter.





