Zehn Frauen, ein Mischpult und die erfreuliche Erkenntnis, dass Lebensfreude kein Verfallsdatum hat.
Wer behauptet eigentlich, dass man mit 70 spätestens um neun Uhr abends auf dem Sofa zu sitzen hat? Mit Kamillentee, Wärmflasche und dem beruhigenden Gefühl, dass draußen nichts mehr passiert, was einen interessieren müsste? In Köln jedenfalls hat man beschlossen, dieses Bild gründlich zu demontieren – und zwar nicht mit einem Vortrag über Altersdiskriminierung, sondern mit ordentlich Bass. „Forever Fresh“ – ein DJ-Kollektiv, das derzeit beweist, dass zwischen Seniorenrabatt und Seniorendisco Welten liegen. Zehn Frauen jenseits der 70 stehen hier an den Mischpulten, die Älteste hat sogar die 90 überschritten. Sie legen Musik auf, experimentieren mit Übergängen, tüfteln an Effekten und bringen Menschen zum Tanzen, die ihre Enkel sein könnten.
Eine von ihnen ist Bettina, 73 Jahre alt, Künstlername „DJ Lokka“. Wenn sie am Mischpult steht und KISS mit „I Was Made for Lovin’ You“ durch die Lautsprecher dröhnt, ist von altersmilder Zurückhaltung wenig zu spüren. Während andere Menschen ihres Jahrgangs noch darüber diskutieren, ob Rockmusik grundsätzlich zu laut sei, arbeitet Bettina bereits am nächsten Übergang. Präzise, konzentriert und mit einer Verve, die sich um Geburtsjahrgänge wenig schert.
Vom Tanzcafé an die Turntables
Es begann unspektakulär. Ein Flyer, ein Workshop, eine Idee. Im Rahmen des Kölner Musikfestivals c/o pop wurden Frauen über 70 gesucht, die Lust hatten, das DJ-Handwerk zu erlernen. Keine Vorkenntnisse erforderlich. Dafür Neugier, Mut und die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das in unserer Gesellschaft üblicherweise Menschen mit deutlich weniger Lebensjahren vorbehalten bleibt. Unsere Protagonistinnen meldeten sich an. Und plötzlich standen sie vor einer technischen Ausstattung, die mit dem Plattenspieler im heimischen Wohnzimmer nur noch entfernt verwandt ist. Denn wer glaubt, DJ sei ein Beruf, bei dem man lediglich auf einen Knopf drückt und anschließend bedeutungsvoll nickt, irrt. Es geht um Rhythmus, Timing, Lautstärke, Übergänge und darum, die Stimmung eines Raumes zu erspüren. Das will gelernt sein. Auch mit 73. Oder eben auch mit 93.
April 2025: Der erste große Auftritt im Bürgerzentrum Ehrenfeld. Das Publikum war begeistert. Und die frischgebackenen DJs offenbar selbst ein wenig überrascht, wie gut ihre musikalische Premiere ankam. Aus einem Workshop wurde eine Leidenschaft, aus zehn Teilnehmerinnen ein Kollektiv mit Zukunftsplänen.
Die Sache mit dem Alter und der Unsichtbarkeit
So unterhaltsam diese Geschichte ist, so ernst ist ihr gesellschaftlicher Hintergrund. Denn das Nachtleben ist eine jener merkwürdigen gesellschaftlichen Einrichtungen, in denen das Alter offenbar eine unsichtbare Zutrittsbeschränkung darstellt: Mit 25 gilt man als jung und experimentierfreudig. Mit 45 als erstaunlich unternehmungslustig. Mit 75 dagegen wird dieselbe Unternehmung schnell zur rührenden Ausnahme erklärt. „Wie schön, dass die sich das noch trauen!“, heißt es dann. Als hätten ältere Menschen mit dem Rentenbescheid auch ihre Lust auf Musik, Bewegung und ausgelassene Nächte abzugeben.
Besonders ältere Frauen verschwinden aus vielen Bereichen der öffentlichen Wahrnehmung. Sie dürfen fürsorglich sein, freundlich, erfahren, gern auch ein wenig exzentrisch. Aber laut? Wild? Technisch versiert? Selbstbewusst am Mischpult einer Clubnacht?
Das Projekt entstand im Zusammenhang mit einer Antidiskriminierungsinitiative des Landesmusikrats Nordrhein-Westfalen. Es will ältere Menschen im Nachtleben sichtbarer machen und zugleich zeigen, dass kulturelle Teilhabe nicht irgendwann endet, nur weil eine bestimmte Zahl auf dem Geburtstagskuchen steht.
Es geht um mehr als Musik
Es geht um die Freiheit, neue Rollen auszuprobieren, sich unbekannte Fähigkeiten anzueignen und auch im hohen Alter noch Anfängerin sein zu dürfen. Eine Rolle, die vielen Erwachsenen erstaunlich schwerfällt. Wer jahrzehntelang kompetent, erfahren und souverän war, muss sich erst einmal überwinden, wieder etwas nicht zu können. Die Damen aus Köln haben sich überwunden. Und möglicherweise gerade dadurch ein neues Stück Selbstbestimmung zurückgewonnen.
Natürlich könnte man nun allerlei wissenschaftliche Erkenntnisse über die positiven Wirkungen von Musik, Lernen und sozialen Kontakten im Alter anführen. Über geistige Beweglichkeit, Gemeinschaftsgefühl und das gute alte Glückshormon Dopamin. All das wäre durchaus passend. Aber vielleicht wäre es auch ein wenig ungerecht, diese Frauen gleich wieder zu einem gesundheitsfördernden Modellprojekt zu erklären. Muss denn jede Freude im Alter erst einen therapeutischen Nutzen nachweisen, um gesellschaftlich akzeptabel zu sein?
Die Damen legen schlicht deshalb auf, weil es ihnen Spaß macht. Weil Musik etwas in Bewegung setzt. Weil es aufregend ist, vor einem Publikum zu stehen. Und weil man auch mit 80 noch Lust haben darf, etwas völlig Unvernünftiges zu tun, das sich bei genauerem Hinsehen als ausgesprochen vernünftig erweist.
DJ Lokka jedenfalls denkt längst über Köln hinaus. Ihre Zukunftspläne fasst sie in einem WDR Interview mit einer begrüßenswerten geografischen Großzügigkeit zusammen: „Ich sag nur New York, Tokio, Austin, Texas!“
Ob sie tatsächlich einmal in Tokio auflegt, wissen wir nicht. Aber die Vorstellung gefällt uns außerordentlich. Und das ist – an dieser Stelle in unserem Bericht angekommen – vielleicht die schönste Botschaft dabei: Das Alter mag den Körper verändern, den Alltag verlangsamen und manches beschwerlicher machen. Aber es schreibt niemandem vor, wie laut die Musik sein darf.
Nicht für immer jung. Aber für immer „im Upbeat“…





