Noch eine Runde gegen die Einsamkeit – warum Glücksspiel im Alter zur stillen Sucht werden kann

von | Okt. 6, 2026

Frau M. geht dienstags in die Stadt. Immer dienstags. Ein bisschen einkaufen, einen Kaffee trinken, vielleicht noch zur Apotheke. Jedenfalls erzählt sie das so. 

Dass zwischen Apotheke und Supermarkt eine Spielhalle liegt und Frau M. dort inzwischen regelmäßig zwei Stunden verbringt, weiß niemand. Warum auch? Sie kommt pünktlich nach Hause, sie trinkt nicht, sie raucht nicht, sie fällt nicht auf. Nur das Geld ist in letzter Zeit erstaunlich schnell weg. Und dienstags freut sie sich neuerdings schon morgens darauf, dass endlich Nachmittag wird. 

Glücksspielsucht im Alter gehört zu jenen Problemen, die sich hervorragend tarnen können. Wir verbinden Spielsucht eher mit jüngeren Männern, Sportwetten, Online-Casinos und dem Smartphone in der Hand. Weniger mit einer 77-jährigen Witwe am Spielautomaten. 

Dabei weisen Fachleute ausdrücklich darauf hin, auch ältere Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren. Einsamkeit, Verlusterfahrungen, viel freie Zeit, fehlende sinnstiftende Aufgaben und Langeweile können Risikofaktoren für problematisches Glücksspiel sein. 

Wenn plötzlich sehr viel Tag übrig ist 

Mit dem Ruhestand verändert sich etwas, das in keiner Renteninformation auftaucht: die Architektur des Tages. 

Jahrzehntelang gab es Arbeit, Kollegen, Termine, Kinder, Verpflichtungen. Später fällt vieles davon weg. Vielleicht auch der Partner. Freunde werden weniger, Wege beschwerlicher, der Aktionsradius kleiner. Aus einem gut gefüllten Dienstag kann ein ziemlich langer Dienstag werden. 

Glücksspiel bietet dagegen erstaunlich viel auf einmal: Spannung, Geräusche, Licht, Ablenkung und einen Grund, irgendwohin zu gehen. In einer Spielhalle sind andere Menschen. Im Lotto gibt es den Samstag, auf den man hin fiebern kann. Beim Online-Glücksspiel wartet rund um die Uhr die nächste Runde. 

Und vor allem gibt es diesen kleinen, elektrisierenden Gedanken: Vielleicht heute. 

Das Problem beginnt deshalb nicht zwangsläufig mit Gier. Es kann mit einer Lücke beginnen. 

Eine Sucht, die leicht übersehen wird 

Nach dem Glücksspiel-Survey leiden hochgerechnet rund 1,3 Millionen Erwachsene in Deutschland an einer Glücksspielstörung. Weitere rund 3,1 Millionen Menschen zeigen ein riskantes Glücksspielverhalten. 

Ältere Menschen stellen dabei nicht die größte Risikogruppe dar. Das klassische Bild der Glücksspielstörung ist statistisch weiterhin stärker von jüngeren Männern geprägt. Dennoch nehmen viele ältere Menschen an Glücksspielen teil, und gerade bei ihnen kann eine entstehende Abhängigkeit lange unbemerkt bleiben. 

Denn ein Lottoschein ist noch keine Sucht. Ein gelegentlicher Casinobesuch auch nicht. Entscheidend wird es dort, wo aus dem Ich möchte spielen allmählich ein Ich muss spielen wird. 

Glücksspiel hat dabei einen besonderen Vorteil, wenn es sich verstecken möchte: Es hinterlässt keinen Alkoholgeruch. Keine leeren Flaschen. Keinen schwankenden Gang. Dafür verschwindet irgendwann Geld. 

Vielleicht wird weniger eingekauft. Eine Rechnung bleibt liegen. Anschaffungen werden verschoben. Verluste werden verschwiegen, Gewinne dagegen gern erzählt. Besonders gefährlich wird der Gedanke: Ich muss nur zurückgewinnen, was ich verloren habe. 

Dann finanziert der gestrige Verlust das Spiel von heute. 

Wenn die Rente mitspielt 

Im höheren Lebensalter bekommt diese Dynamik eine zusätzliche Härte. Wer mit 77 Jahren mehrere Tausend Euro verspielt, hat meist weniger Möglichkeiten, diesen Verlust wieder aufzufangen als ein berufstätiger Mensch. Das Einkommen ist weitgehend festgelegt, Rücklagen sind begrenzt. 

So kann eine Armutsschleife entstehen: Geld wird verspielt, der Verlust belastet, durch weiteres Spielen soll er ausgeglichen werden, es entsteht der nächste Verlust. Und ausgerechnet ein Mensch, der vielleicht spielt, weil sein Leben kleiner geworden ist, macht es dadurch noch kleiner. Das Geld für den Cafébesuch fehlt, der Ausflug wird gestrichen, soziale Kontakte werden vermieden. 

Die Einsamkeit führte zum Spiel. Das Spiel verstärkt die Einsamkeit. Ein ziemlich grausamer Kreislauf. 

Sucht hat kein Rentenalter 

Beim Stichwort „Sucht im Alter“ denken viele zunächst an Alkohol, Medikamente oder Zigaretten. Glücksspiel passt weniger gut in dieses vertraute Bild. Dabei verschwindet Sucht nicht mit dem Rentenbescheid. Bei Menschen mit Glücksspielstörung treten zudem überdurchschnittlich häufig weitere psychische Belastungen und Erkrankungen auf, darunter Depressionen, Angststörungen und substanzbezogene Abhängigkeiten. 

Vielleicht ist deshalb weniger interessant, welche Sucht statistisch die größere ist. Spannender ist die Frage: 

Welches Bedürfnis ersetzt sie gerade? 

Ein Mensch, der spielt, weil ihm langweilig ist, braucht schließlich nicht nur den Hinweis, er solle weniger spielen. Um diese für ihn unliebsame Aufforderung umzusetzen, benötigt er deutliche Anreize oder valide Alternativen. 

Was kommt stattdessen? 

Wenn der Automat der einzige Ort geworden ist, an dem etwas passiert, reicht es nicht, ihn wegzudenken. Wenn der Lottoschein einer Woche Struktur gibt, hinterlässt sein Wegfall zunächst einen leeren Samstag. Und wenn das Glücksspiel für zwei Stunden verhindert, dass jemand über den verstorbenen Partner oder die eigene Einsamkeit nachdenken muss, dann hatte das Spielen eine Funktion. 

Keine gute. Aber es hatte eine. 

Was Betreuungskräfte bemerken können 

Betreuungskräfte sollen keine Diagnosen stellen. Und selbstverständlich ist ein Lottoschein noch kein Hilferuf. Aber Sie als Betreuungskraft erleben Menschen oft dort, wo Veränderungen zuerst sichtbar werden: im Alltag. 

Vielleicht spricht ein Kunde plötzlich auffallend häufig vom Spielen. Vielleicht werden Termine um den Besuch einer Spielhalle herum geplant. Vielleicht fehlt wiederholt Geld für Einkäufe. Jemand möchte sich Geld leihen, verschweigt Verluste oder wird ungewohnt gereizt, wenn das Spielen nicht möglich ist. 

Solche Veränderungen können Anlass sein, genauer hinzusehen. Nicht mit Vorwürfen und nicht mit einem schnellen „Sie haben ein Problem“, sondern mit einem behutsamen Gespräch und, wenn nötig, der Unterstützung durch Angehörige oder geeignete Fach- und Beratungsstellen. Denn hinter einem Spielproblem sitzt möglicherweise nicht nur jemand, der gewinnen möchte. 

Dort sitzt vielleicht jemand, der seit dem Tod seiner Frau kaum noch Menschen trifft. Jemand, der früher jeden Morgen um sieben Uhr aufgestanden ist und heute nicht recht weiß, wofür. 

Oder Frau M., die dienstags in die Stadt fährt: Apotheke, Supermarkt, Spielhalle. Zwei Stunden lang blinkt und klingelt es. Zwei Stunden lang ist sie beschäftigt. Zwei Stunden lang könnte etwas passieren. Vielleicht ist genau das die heimtückischste Seite des Glücksspiels im Alter: 

Es verspricht nicht nur Geld. Es verspricht für einen Augenblick ein weniger leeres Leben. 

Interesse an diesem Thema?

Oder schon in vergleichbaren Situationen mit Kunden gewesen?

Wenn Sie dieses Thema vertiefen möchten, sollten Sie unseren Vortrag „Umgang mit Suchterkrankungen in der Betreuung“ am 26.11.2026, von 19.00 – 21.00 Uhr  buchen.

Hier geht es zur Anmeldung: Umgang mit Suchterkrankten in der Betreuung| LMS. 

 

Das könnte Sie auch interessieren: