Manche Menschen kann man sich nur schwer als Kind vorstellen. Maria Montessori gehört dazu. Man sieht sie eher vor sich, wie sie mit ruhigen Schritten durch ihr Kinderhaus in Rom geht: aufmerksam, konzentriert, voller Neugier. Eine Frau, die gegen fast alles ankämpfte, was ihre Zeit für selbstverständlich hielt. Als eine der ersten Frauen studierte sie Medizin, beobachtete Kinder mit wissenschaftlicher Genauigkeit und kam zu einer Erkenntnis, die bis heute erstaunlich modern klingt: Menschen wollen lernen. Menschen wollen handeln. Menschen wollen selbst etwas können.
1907 eröffnete Montessori in einem Armenviertel Roms ihr erstes Casa dei Bambini -ein Kinderhaus. Die Kinder, die dort betreut wurden, galten als schwierig und verwahrlost. Doch statt sie ständig anzuleiten, begann Montessori zu beobachten. Sie stellte fest, dass Kinder, wenn man ihnen eine passende Umgebung bietet, mit großer Ausdauer und Freude tätig werden. Sie sortierten, bauten, wuschen Tische oder ordneten Gegenstände, nicht weil man sie dazu aufforderte, sondern weil sie es aus eigenem Antrieb wollten.
Daraus entstand ein Gedanke, der bis heute nichts von seiner Kraft verloren hat: „Hilf mir, es selbst zu tun.“
Eigentlich ist dieser Satz gar keine pädagogische Methode. Er ist eine Haltung.
Und plötzlich denkt man nicht mehr an Kinder: Man denkt an die 90-jährige Nachbarin, der morgens die Strümpfe angezogen werden, weil es schneller geht. An den älteren Herrn, dessen Frühstück bereits fertig geschmiert auf dem Tisch steht, obwohl er das Brot noch selbst schneiden könnte. An die Dame mit Demenz, der jede Entscheidung abgenommen wird, obwohl sie durchaus noch weiß, ob sie lieber die blaue oder die grüne Bluse tragen möchte.
Wie oft nehmen wir Menschen etwas ab, obwohl wir ihnen damit ungewollt auch etwas nehmen?
Genau hier berühren sich Montessori und die moderne Seniorenbetreuung.
Denn auch in der aktivierenden Betreuung geht es nicht darum, möglichst viel für einen Menschen zu tun. Es geht darum, möglichst viel mit ihm zu tun. Die vorbereitete Umgebung wird zur übersichtlichen Küche, in der die Tasse ihren festen Platz hat. Aus Lernmaterialien werden Handgriffe des Alltags: Gemüse schneiden, Wäsche falten, Blumen arrangieren oder den Tisch decken. Nicht als Zeitvertreib, sondern weil sinnvolle Tätigkeit Selbstvertrauen, Orientierung und Lebensqualität schenken kann.
Ebenso wichtig ist Montessoris wohl größte Tugend: beobachten.
Nicht sofort eingreifen. Erst hinschauen. Herausfinden, was ein Mensch heute noch selbst kann. Das kostet manchmal Zeit. Aber vielleicht ist genau diese Zeit das Wertvollste, was wir schenken können.
Natürlich hat Maria Montessori ihre Pädagogik nie für die Begleitung hochaltriger Menschen entwickelt. Und doch wirkt ihre Grundhaltung erstaunlich zeitlos. Sie erinnert uns daran, dass Würde nicht darin besteht, alles abgenommen zu bekommen. Sondern darin, möglichst lange selbst handeln zu dürfen.
Ein Vermächtnis, das Montessori noch tagtäglich in der Betreuung und Pflege alter Menschen in Taten zitiert wird: Den Menschen nicht über seine Defizite zu definieren, sondern über seine Fähigkeiten.
Unser Vortragstipp
Montessori in der Betreuungsarbeit: Würde wahren, Fähigkeiten stärken
Vortrag mit Bianca Halbach (Dozentin der Deutschen Montessori Gesellschaft)
📅 09.07.2026 – 🕖 19:00 bis 21:00 Uhr
Wie lassen sich die Grundgedanken Maria Montessoris auf die ambulante Seniorenbetreuung übertragen? In diesem praxisnahen Vortrag erfahren Sie, wie Sie mit kleinen Veränderungen im Alltag Selbstständigkeit fördern, Ressourcen stärken und Menschen mit Wertschätzung und Respekt begleiten können.
Es sind noch wenige Restplätze verfügbar. Wir freuen uns auf Ihre Anmeldung: https://carepro-akademie-lms.de/training/show/209





