Die Frau am Fenster faltet zum dritten Mal sorgfältig ein Geschirrtuch. Wenige Minuten später beginnt sie wieder von vorn. Die Betreuungskraft setzt sich zu ihr und fragt nicht: „Wissen Sie nicht mehr, dass Sie das eben schon gemacht haben?“ Stattdessen streicht sie über den Stoff und sagt: „Das haben Sie aber ordentlich gemacht. Früher haben Sie das bestimmt oft erledigt.“
Wer diese kleine Szene einmal gesehen hat, vergisst sie nur schwer.
Was in dieser Szene beschrieben wird, ist unter dem Begriff “Validation” bekannt. Die schriftliche Definition der „Validation“ hingegen, so wichtig sie auch ist, verschwindet bei vielen Menschen schon wenige Tage nach dem Lernen wieder zwischen Einkaufszetteln, Passwörtern und der Frage, was man eigentlich noch schnell erledigen wollte.
Unser Gehirn ist in dieser Hinsicht erstaunlich altmodisch. Es sammelt keine Informationen wie ein Archiv. Es sammelt Geschichten.
Das ist keine romantische Vorstellung, sondern inzwischen gut erforscht. Die Psychologie spricht vom Narrative Bias oder vom Storytelling-Effekt. Gemeint ist die bemerkenswerte Fähigkeit unseres Gehirns, Informationen nachhaltiger zu speichern, wenn sie in eine Geschichte eingebettet sind. Denn Geschichten bestehen nicht nur aus Fakten. Sie verbinden Menschen, Orte, Emotionen und Handlungen miteinander. Das Gehirn muss diese Einzelteile nicht mühsam zusammensetzen, sondern erhält ein vollständiges Bild. Der amerikanische Kognitionswissenschaftler Jerome Bruner brachte diesen Gedanken einmal auf den Punkt: Wissen lässt sich auf zwei Arten vermitteln. Analytisch oder erzählend. Beides hat seinen Platz. Doch wenn es darum geht, Erlebtes langfristig im Gedächtnis zu verankern, besitzt die Geschichte einen erstaunlichen Vorsprung.
Vielleicht kennen Sie dieses Phänomen aus Ihrem eigenen Berufsalltag.
An eine Liste mit zehn Kommunikationsregeln erinnern wir uns oft nur bruchstückhaft. An Herrn Weber hingegen, der jeden Nachmittag unruhig wurde, weil er glaubte, den letzten Zug nach Hause zu verpassen, erinnern wir uns noch Jahre später. Ebenso an die Kollegin, die sich neben ihn setzte und sagte: „Bis der Zug kommt, können wir noch gemeinsam einen Kaffee trinken.“ Aus der Unruhe wurde ein Gespräch. Aus einer schwierigen Situation wurde ein gemeinsamer Moment. Solche Szenen bleiben. Nicht, weil sie spektakulär wären. Sondern weil unser Gehirn sie wie kleine Filme abspeichert.
Deshalb arbeiten wir bei CarePro schon längst nicht mehr ausschließlich mit Texten. Fallbeispiele, Bilder, Comics oder kurze Filmszenen sind keine freundliche Dekoration zwischen zwei Kapiteln. Sie übernehmen eine didaktische Aufgabe. Sie übersetzen theoretisches Wissen in Situationen, die wir innerlich miterleben können. Aus abstrakten Begriffen werden Gesichter. Aus Regeln werden Begegnungen. Aus Lernstoff werden Erfahrungen.
Deshalb begegnen Ihnen in unseren E-Learnings immer wieder kleine Alltagsgeschichten, Audiobeiträge, kurze szenische Lernfilme oder Comics. Mitunter sogar Märchen oder Fabeln. Nicht, weil Lernen dadurch bunter wird, sondern weil es nachhaltiger wird. Unser Ziel ist, dass Ihnen in einem entscheidenden Moment bei Frau Meier oder Herrn Schneider genau die passende Geschichte wieder einfällt.
Interessanterweise gilt dieses Prinzip nicht nur für die Weiterbildung. Auch gute Literatur lebt davon: Niemand liest einen Roman, um anschließend möglichst viele Fakten aufzählen zu können. Wir lesen, weil wir Menschen begegnen. Weil wir ihr Zögern verstehen, ihre Freude teilen, ihre Verluste miterleben. Wochen später haben wir vielleicht den Namen einer Nebenfigur vergessen. Das Gefühl einer Szene aber ist noch immer da.
Genau so lernt auch unser Gehirn. Es erinnert sich nicht zuerst an Definitionen. Es erinnert sich an Menschen.
Anders formuliert: Ein Lehrbuch vermittelt Wissen. Eine Geschichte verleiht ihm ein Gesicht. Und genau dieses Gesicht begegnet uns oft wieder, wenn wir es am meisten brauchen.
(Quellen: Bruner, J. S. (1986). Actual Minds, Possible Worlds. Harvard University Press. Green, M. C. & Brock, T. C. (2000). The Role of Transportation in the Persuasiveness of Public Narratives. Journal of Personality and Social Psychology, Fazio, L. K. et al. (2021), Memory and comprehension of narrative versus expository texts: A meta-analysis)





