Wenn Herr Konrad denkt, es ist wieder Fliegeralarm: „Prepping*“ und der Stromausfall

von | Jan. 19, 2026

* Prepping ist ein Begriff aus dem Englischen (von „preparation“) und bezeichnet vorausschauende, ruhige Vorbereitung auf außergewöhnliche Alltagssituationen wie Stromausfälle, extreme Wetterlagen oder Versorgungsengpässe. Ziel ist nicht Panik oder Abschottung, sondern Handlungsfähigkeit, Sicherheit und Fürsorge.

Der Stromausfall vor einigen Wochen in Berlin hat uns gezeigt, wie fragil ein System sein kann, von dem wir alle abhängig sind und das wir im Alltag oft als selbstverständlich hinnehmen. Strom, Wasser, Kommunikation – vieles funktioniert scheinbar reibungslos, bis es plötzlich nicht mehr da ist. Viele Haushalte in der Hauptstadt mussten über Tage hinweg improvisieren und kreative Lösungen finden, um den Alltag weiter zu gestalten. Doch was passiert, wenn in diesen Haushalten ältere Menschen leben, vielleicht mit dementiellen Erkrankungen, die auf eine stabile Versorgung und eine regelmäßige ambulante Betreuung angewiesen sind? Wenn gewohnte Abläufe wegfallen und Orientierung, Sicherheit und Verlässlichkeit ins Wanken geraten?

Ein Punkt vorab: Betreuungskräfte und Ihre Betriebe tragen nicht die Verantwortung dafür, dass ein Haushalt auf Krisensituationen vorbereitet ist. Diese Verantwortung liegt weder rechtlich noch praktisch bei ihnen. Vorsorge ist eine gemeinsame Aufgabe von Angehörigen, rechtlichen Vertretungen und medizinischen Fachpersonen.

Die besondere Stärke von Betreuungs- und Pflegediensten und den dort tätigen Betreuungskräften liegt an anderer Stelle: Sie kennen die Menschen, die sie begleiten – ihren Alltag, ihre Routinen, ihre Bedürfnisse und auch ihre Verletzlichkeiten. Damit sind sie ein wichtiges Bindeglied zwischen Kundinnen und Kunden, Angehörigen und medizinischem Fachpersonal. Aus dieser Nähe zur Lebensrealität heraus können sie das Thema „Notfall – Prepping*“ gezielt ansprechen und dafür sensibilisieren.

Wenn gemeinsam entschieden wird, dass bspw. kleine Vorräte sinnvoll sind, können Betreuungskräfte dies im Alltag unterstützen. Etwa beim Einkaufen mit den Kundinnen und Kunden oder bei Besorgungen im Auftrag: haltbare Lebensmittel, Batterien, ein einfaches Transistorradio oder andere alltagstaugliche Hilfsmittel. Auch Bestellungen im Internet können – nach Absprache – Teil dieser Unterstützung sein.

Andere Bereiche, insbesondere die Medikamentenversorgung, bleiben je nach Situation besser in der Verantwortung von Angehörigen oder medizinischen Fachpersonen. So entsteht Vorsorge nicht durch zusätzliche Belastung einzelner, sondern durch pragmatische und menschliche Zusammenarbeit.

Es braucht nicht sofort große Konzepte. Manchmal reicht ein wacher Blick aus der Praxis.

Für Betreuungskräfte ist ein Stromausfall keine abstrakte Störung. Er passiert vielleicht sogar mitten im Einsatz. In der Wohnung eines Menschen, der 84 Jahre alt ist, dement lebt und auf vertraute Abläufe angewiesen ist. Kein Licht, kein Fernseher, kein Telefon – dafür Unsicherheit, Unruhe, oft Angst. Prepping bedeutet hier nicht, alles kontrollieren zu wollen. Es bedeutet, Beziehungen, Abläufe und Zuständigkeiten so vorzubereiten, dass niemand allein bleibt. Es bedeutet, den Alltag ein kleines Stück robuster zu machen.

In der Ruhe liegt wie immer Kraft

Wer vorbereitet ist, bleibt ruhiger. Gerade Betreuungskräfte wissen: Ruhe überträgt sich. Auf ihre Kundinnen und Kunden, auf Angehörige, auf das eigene Nervensystem.

Prepping beginnt im Kopf:

  • Was brauche ich wirklich, um 24 bis 72 Stunden gut zu überstehen?
  • Wer ist auf meine Unterstützung angewiesen?
  • Was kann ich jetzt schon ohne großen Aufwand regeln?

Der wichtigste Schritt passiert lange bevor das Licht ausgeht

Klären Sie, wenn möglich, mit den Angehörigen:

  • Was braucht mein Kunde unbedingt, um sich sicher zu fühlen?
  • Welche Gewohnheiten meiner Kundin wirken stabilisierend (Licht, Radio, bestimmte Rituale)?
  • Gibt es “Angstverstärker” – sprich: Dinge, vor denen meine Kundin per se Angst hat (Kälte? Totale Stille? Eine zu stramm aufliegende Bettdecke? Oder ähnliches)?

Manche dieser Fragen und Gespräche wirken vielleicht banal – sind aber im Ernstfall Gold wert.

Licht, Wärme, Orientierung

Ältere Menschen – vor allem ältere Menschen mit Demenz – verlieren bei Stromausfällen oft schneller die innere Orientierung als andere. Die vertraute Umgebung fühlt sich plötzlich „falsch“ an. Erinnerungen aus „dunklen Zeiten“ kommen eventuell wieder ins Spiel: „Ist Fliegeralarm? Müssen wir in den Keller?“.

Eine sinnvolle Vorbereitung, die diesem Sachverhalt ein wenig Abhilfe schaffen kann:

  • Eine feste, leicht erreichbare Lichtquelle, die immer am gleichen Ort liegt und batteriebetrieben arbeitet
  • Eine einfache Notiz an der Wand: „Es ist nur der Strom ausgefallen – Sie sind nicht allein und nicht in Gefahr!“
  • Bekannte Gegenstände griffbereit (Decke, Kissen, Lieblingsstuhl)

Hier geht es nicht wirklich um Technik, sondern um emotionale Sicherheit. Technisch betrachtet machen sicherlich Taschenlampen oder Stirnlampen mit Ersatzbatterien oder LED-Laternen bzw. einfache Campinglampen Sinn. Eine kleine Lichtquelle kann viel Angst nehmen – aber bitte NIEMALS Kerzen!

Essen und Trinken – einfach, haltbar, vertraut

Niemand muss Konservendosen stapeln wie in einem Katastrophenfilm. Ein kleiner Vorrat reicht. Bewährte „Lagerbestände für alle Fälle“ sind:

  • Trinkwasser für mindestens 1–2 Tage
  • Lebensmittel, die nicht gekocht werden müssen
  • Dinge, die man kennt und mag, Routine beruhigt (z.B. bestimmte Kekse, Müsliriegel oder Knabberzeug)
  • Ein manueller Dosenöffner
  • Ein gasbetriebener Campingkocher, um einen heißen Tee oder warmes Wasser zubereiten zu können (aber nur durch Betreuungs- und Pflegekräfte bzw. nahestehende Personen!)
  • Eventuell – je nach Gesundheitszustand der betreuten Kunden – auch Flüssignahrung mit allen Kalorien und Nährstoffen, die erforderlich sind (z.B. Fresubin aus der Apotheke, übrigens auch für Diabetiker erhältlich)

Kommunikation ohne Technik

Wenn das Handy nur noch ein schwarzer Spiegel ist, wird das Umfeld wichtig. Soziale Nähe vor allen Dingen.

Hilfreich:

  • Wichtige Telefonnummern auf Papier
  • Absprachen mit Angehörigen oder Nachbarn
  • Wissen, wo man Hilfe bekommt, wenn nichts mehr geht

Ein ausgedruckter Notfallkontaktplan in der Wohnung macht für solche Szenarien viel Sinn und ist kein Rückschritt – sondern professionelle Vorsorge.

Wie kann den Betroffenen seelisch geholfen werden?

Bei älteren Menschen, aber besonders bei dementiell erkrankten Menschen, gilt: Der Stromausfall selbst ist oft nicht das Problem. Die Veränderung ist es. Ruhe und empathische Begleitung – und so viel Präsenz, also soziale Nähe, wie möglich. Aus einem Verbund von Angehörigen, dem Betreuungsdienst und dem medizinischen Fachpersonal. Vor Ort und im direkten Kontakt mit den Betroffenen funktionieren manchmal „bekannte Tätigkeiten“, die mitunter ein wenig von der Situation ablenken können. Zum Beispiel: Tisch decken, Hand halten, gemeinsam sitzen und reden, einen heißen Tee trinken, Karten spielen.

Schiere menschliche Präsenz ist in solchen Momenten wichtiger denn je.

 

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