Frau K. sitzt am Küchenfenster, die Hände im Schoß, und schaut hinaus auf den Parkplatz des Nachbarhauses. Dort passiert nichts. Eine Amsel hüpft über den Asphalt, ein Lieferwagen rangiert, dann ist wieder Ruhe. Die Betreuungskraft, die seit zwanzig Minuten neben ihr sitzt, hat nichts vorgeschlagen, nichts gefragt, nichts angeboten. Sie hat nicht einmal auf die Uhr gesehen. Im Dokumentationsbogen wird später stehen: „Gespräch, Anwesenheit.“ Das ist das Ehrlichste, was in diesem Bogen je stehen wird, und zugleich das Unzulänglichste.
Wir leben in einer Kultur, die Tätigkeit mit Wert verwechselt. Wer arbeitet, leistet etwas; wer nur dasitzt, hat Pause. Dieses Denken hat auch die Betreuung erfasst, und es ist ja nicht unvernünftig: Betreuungskräfte werden für Zeit bezahlt, und Zeit muss sich ausweisen lassen. Also gibt es den Spaziergang, das Kartenspiel, das Gedächtnistraining, das gemeinsame Backen. Alles gute Dinge. Aber wer die Tage alter Menschen mit Programm füllt, füllt sie manchmal auch gegen sie. Denn zwischen dem Frühstück und dem Spaziergang, zwischen der Zeitung und dem Mittagessen liegt das, was dieses Leben im Kern ausmacht: lange, unbeschäftigte Stunden, in denen ein Mensch mit sich und seiner Vergangenheit allein ist. Die Frage ist, ob er dabei wirklich allein sein muss.
Die Japaner haben für das, was dazwischen liegt, ein Wort: Ma. Es bezeichnet den Abstand, die Lücke, das Intervall, und es meint nicht das Leere, sondern das Bedeutungsvolle im Leeren. In der Musik ist es die Pause, die den Ton erst zum Ton macht. In der Architektur der Raum zwischen den Pfeilern, im Gespräch das Schweigen, das dem Gesagten Gewicht gibt. Ein. japanischer Tuschemaler lässt die Hälfte des Blattes frei, und niemand käme auf die Idee, er habe die Arbeit nicht zu Ende gebracht. Das Weiße ist Teil des Bildes. Man muss es nur sehen wollen.
Was würde geschehen, wenn wir die Pausen im Alltag alter Menschen so betrachteten? Nicht als Defizit, das es zu beheben gilt, sondern als Raum, den man gemeinsam bewohnen kann.
Wer einmal neben einem Menschen mit Demenz gesessen hat, der unruhig durch die Wohnung wandert, weiß, wie wenig Worte dann helfen. Erklärungen prallen ab, Ablenkung gelingt für drei Minuten. Was manchmal wirkt, ist etwas anderes: sich neben ihn setzen, ruhig atmen, die Anspannung nicht erwidern. Wir wissen aus der Forschung, dass Stimmungen ansteckend sind, und zwar in beide Richtungen. Ein Mensch, der seine Umgebung nicht mehr einordnen kann, liest dennoch sehr genau, ob jemand neben ihm hektisch oder gelassen ist. Gelassenheit lässt sich nicht erklären, aber verschenken.
Das klingt nach wenig und ist doch das Schwerste. Jeder, der es versucht hat, kennt den Impuls, die Stille zu füllen. Wir fragen nach dem Befinden, obwohl wir die Antwort kennen. Wir kommentieren das Wetter, räumen die Tasse weg, schlagen vor, doch ein bisschen frische Luft zu schnappen. Es ist die Angst vor dem eigenen Nutzlossein, die da spricht, und sie ist verständlich. Wer will schon dasitzen und das Gefühl haben, nichts beizutragen? Aber vielleicht ist genau dieses Aushalten die eigentliche Professionalität: zu wissen, dass man in diesem Moment nicht gebraucht wird, um etwas zu tun, sondern „nur“ um da zu sein.
Der Philosoph Blaise Pascal hat einmal bemerkt, das ganze Unglück der Menschen rühre daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können. Man muss das nicht so zugespitzt sehen. Aber im Alter, wenn die Welt kleiner wird und die Zimmer enger, gewinnt der Satz eine zarte Umkehrung: Es ist ein Geschenk, wenn jemand mit einem im Zimmer bleibt.
Natürlich gibt es Einwände, und sie sind berechtigt. Nicht jede Stille ist gut. Es gibt das Schweigen der Einsamkeit, das Schweigen der Resignation, das Schweigen, hinter dem eine Not steckt, die sich nicht ausdrücken kann.
Wer Stille als Kompetenz verstehen will, muss sie von Gleichgültigkeit unterscheiden können, und das ist eine Fähigkeit, die man nicht aus Checklisten lernt. Sie entsteht aus Aufmerksamkeit: Wie sitzt der Mensch da? Sind die Schultern gelöst? Wandert der Blick, oder ist er festgehalten? Eine gute Betreuungskraft hört auch dann zu, wenn nichts gesagt wird. Sie bemerkt, wann die Stille satt ist und wann sie hungrig macht, und sie weiß, wann es Zeit ist, behutsam ein Wort hineinzulegen, ein Lied zu summen oder die Hand auf den Unterarm zu legen.
Es wäre ein Gewinn, wenn dieses Können in der Ausbildung und im Alltag der Betreuung mehr Raum bekäme. Nicht als Ersatz für Aktivierung, sondern als ihr Gegenstück. Ein Tag braucht beides, so wie ein Musikstück beides braucht: Klang und Pause. Und vielleicht dürfte man in den Dokumentationsbögen irgendwann ehrlich vermerken, was an einem Nachmittag wirklich geschehen ist, nämlich dass zwei Menschen zwanzig Minuten lang gemeinsam aus dem Fenster gesehen haben und es gut war.
Auch unsere Akademie hat sich dieses Themas angenommen: Im ersten Quartal des kommenden Jahres werden wir eine neue Fortbildung zum Thema „Therapeutisches Gammeln – Über Präsenz, Pausen und das japanische „Ma“…“ anbieten. Sie dürfen Sich also schon jetzt auf dieses wichtige und spannende E-Learning freuen!
Frau K. jedenfalls wendet irgendwann den Kopf. „Schön ruhig heute“, sagt sie. Die Betreuungskraft nickt. Draußen hüpft die Amsel zurück auf den Asphalt. Frau K. lächelt still, während sie einen Krümel von der Fensterbank in Ihre Handfläche wischt. Mehr braucht es nicht.





